Sweet Home Chicago (IV)

[Spaziergänge]

Der öffentliche Verkehr ist nicht Chicagos Stärke. Und doch gibt es nichts Großartigeres als den Loop, der die Innenstadt rasselnd umkreist. Dann kann es geschehen, und es ist sogar ziemlich wahrscheinlich, dass man stadtauswärts zwischendurch auf einen Bus umgeladen wird, weil die Schienen gerade wieder von einer Werkmanns-Crew erneuert werden (dafür bietet sich die Skyline als Photosujet prächtiger denn je dar; hier, hier und hier einige andere schöne Videos, über oder aus den CTA Trains gefilmt, und bei denen einem klar wird: man ist nun im Westen angelangt).

Das ist der Weg nach Oak Park, der Vorstadt, in welcher Hemingway aufwuchs, in eben denselben Jahren - kurz nach der Jahrhundertwende - als Frank Lloyd Wright hier mit dem Unity Temple (rechts)

 

 

 

 

 

und seinem eigenen Wohn- und Atelierhaus zwei seiner Meisterwerke schuf. Frage: Gibt es in Hemingways Büchern irgendeinen Hinweis auf die architektonischen Preziosen, zwischen denen er aufwuchs?

 

In eine wahrlich traumhafte Straße biegt man ab, wenn man die Forest Avenue betritt, an der Wright sieben (das Haus am Elizabeth Court mitgerechnet acht) fabelhafte Häuser gebaut hat; freilich ohne dass sich der Prairie Style dadurch als urbanistische Alternative aufdrängte. Doch dieses weite Feld überlassen wir lieber Wright-Kennern.



Sweet Home Chicago (III)

[Spaziergänge]
Lässt sich daraus, dass die Sonne am 20. März so haarscharf in der Flucht der Monroe (oder welcher immer) Street unterging, schließen, dass Chicagos Straßenraster exakt nord-südlich bzw. ost-westlich ausgerichtet ist?

Sweet Home Chicago (II)

[Spaziergänge]


So viele Städte sind’s nicht, in denen man sich – meines Erachtens – einmal herumgetrieben haben  m u s s : Paris, New York, Buenos Aires, Tokyo... Wien vielleicht, Lissabon, im D.F. (Mexico), in San Francisco... Eine schon etwas persönlichere Auswahl: Turin, Fes, Casablanca, Budapest, Sevilla... Und Saigon, San Antonio, Fukuoka... Das sind in etwa meine Lieblinge. Von China kenne ich nur Hongkong, aber es zieht mich nicht eigentlich dorthin. Hamburg steht schon lange auf meiner Warteliste, nebst Odessa und Sankt Petersburg, Nairobi vielleicht... Aber wirklich noch gesehen haben muss ich nur Tel Aviv und... Chicago. Und in Chicago bin ich nun endlich gelandet.

Was nach New York in Chicago zunächst auffällt, ist die Liebenswürdigkeit, wenn nicht Zahmheit der Menschen: jeder will dir gleich behilflich sein. »Welcome to the Knickerbocker!«, vis-à-vis vom Drake – weiterhin der ersten Adresse der Stadt –, und flankiert vom Palmolive Building (einem der schönsten Art-Déco-Wolkenkratzer Chicagos); im Rücken das 344 Meter hohen John Hancock Center (immer noch Amerikas exquisitester und zugleich kraftstrotzendster Wolkenkratzer der sechziger Jahre). Und Mies’ Wohntürme am Lake Shore Drive stehen nur zwei Blöcke entfernt.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ist das Nordende der Downtown;

ihrer Verlängerung über den Chicago River hinaus. Dahinter: Lake Michigan einerseits, die Stadt gewordene Prärie anderseits.


Die Michigan Avenue als neueres Geschäftszentrum hat architektonisch trotz der erwähnten und anderer Bauten nicht dieselbe Kraft wie der innerstädtische Loop.

 

 

 

 

Die neuralgische Naht bleibt der Chicago River,


downtown durch das Wrigley Building und den neugotischen, bis heute eher wegen der 1925 nicht gebauten Wettbewerbsprojekte berühmten Tribune Tower geprägt. Direkt hinter  dem Building des Kaumgummifabrikanten ist mit dem 415 Meter hohen Trump Tower nun Chicagos zweithöchstes Gebäude hochgezogen worden. Es stammt wie das Sears Building (1974, 442 m) und das John Hancock Center (1970, 344 m) aus der Küche der lokalen Großmeister Skidmore, Owings & Merrill.

 

 

 

Doch während der Hancock Tower sofort zum Klassiker wurde, und heute auch das anfänglich oft bemäkelte Sears Building mit seinem aus neun Quadraten geometrich in die Höhe schrumpfenden Grundriss unzweifelhaft seine Qualitäten hat, erscheint der Trump Tower weniger der gerundeten Volumen als seiner aufdringlichen Glashaut wegen als Fremdkörper: das weltweit zu beobachtende Phänomen, dass Glas trotz all seiner heute unendlichen Nuancierungsmöglichkeiten oft schlicht zu aufdringlich verwendet wird (was auf dem Bild rechts gewiss nicht der Fall des mittleren Gebäudes ist, des »Correctional Center« sprich der Untersuchungshaftanstalt zwischen Clark und Federal St., deren scharf bemessene Fensteröffnungen exakt den keine Vergitterung erfordernden Normen entsprechen.)

Der Trump Tower ist Chicagos sechstes über 300 Meter hohes Gebäude. Drei weitere sind im Bau – vielmehr, sie waren es. Denn Santiago Calatravas 610 Meter hoher Chicago Spire wurde auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt, und die Finanzkrise führte auch beim Waterview Tower zu einem Baustopp – vorläufig ist er eine 26 Geschoße erreichende Bauruine. In der Enge der »Altstadt« fällt so etwas allerdings nicht unbedingt auf.

 

Sweet Home Chicago (I)

[Spaziergänge]

[I] Enric Granados, Séneca und einige Diagonal-Schwingungen

[Spaziergänge]
Man muss immer das grosse Stadtfest abwarten, die Mercè am 24. September, bevor das sommerliche Siechtum für überwunden gelten kann. Vermischt mit allen möglichen weiteren Festivals (etwa der Sexmesse FICEB und dem ersten Auftritt eines gewissen George Michael nach fünfzehn Jahren) gestaltete sich die Rentrée auch diesmal so vehement, dass man ihr erst möglichst auswich. Das Stadtfest, das stets zu furchterregenden Menschenansammlungen geführt hatte, verbannte die spätnächtlichen Grooves erstmals in den Parc del Forum, der sich als neuer Stadtraum für derlei Grossveranstaltungen einmal mehr bewährte und – zusammen mit dem Regen – die innerstädtischen Schauplätze vor dem Kollaps bewahrte. Jetzt dürften jene allmählich verstummen, die die enorme Esplanade als überrissen bemäkelt hatten. Am letzten Festtag musste sie vor dem Ansturm von etwa 200’000 Schaulustigen sogar geschlossen werden. Sie nimmt maximal 160'000 Leute auf.

Tags darauf also konnte man sich in den göttlichen Herbst hinauswagen. Die Stadt schien vor Lust auf sich selbst zu platzen. Sirenen heulten, irgendein Demonstrationszug zog durch die Vía Layetana. Ich spazierte in den Eixample hinauf, schaute in einige Galerien: Bustamente bei Estrany, in der Galería Senda eine Ausstellung von Juan Navarro Baldeweg, dem Madrider Architekten, der sich auch als Maler betätigt – wobei gewisse formale Übereinstimmungen auffallen: links eine Aufnahme aus der Galerie, rechts sein noch im Bau befindliches Universitätsgebäude am Carrer Wellington (in einer Aufnahme vom August 2006).



Dann wechselte ich an die nach dem Komponisten Enric Granados benannte Strasse, deren Schild darüber informiert, dass Granados 1867 in Lleida geboren und 1916 EN MAR verstorben ist, womit nicht etwas ein Ort, sondern wirklich das Meer gemeint ist, wo sein Schiff und damit seine Lebensbahn kenterten.

Als verkehrsärmste Achse des Cerdá-Rasters war Enric Granados immer schon ein privilegierter Ort. Seit die Strasse vor einigen Jahren zur Promenade umgestaltet wurde, mit nur noch einer einzigen Fahrspur, haben sich nun auch vermehrt chice Betriebe hier angesiedelt.

In der Galerie N2 waren Photoübermalungen von Carlos Saura zu sehen (Architekten, Filmregisseure: alle scheinen mit dem Pinsel Entspannung von ihren nervigen Berufen zu suchen). Gleich gegenüber entdeckte ich einen Designerladen namens l’Appartement, der zur Zeit eine Ausstellung des hippen französischen Studios 5.5 Designers zeigt.








Ich nahm einen Kaffee in dem hier schon einmal erwähnten, überaus üppig gestylten Hotel Granados 83, in dem man zuhinterst diesen Hofgarten entdeckt. Keine Ahnung, wer der Entwerfer ist. Das Hotel soll diesen Sommer die Lounge-Mode, mit der verschiedene Hotels auch Einheimische auf ihre Dachterrassen lockten, angeführt haben.



Einige Schritte weiter erreichte ich die Diagonal und wollte mich vor soviel Modernität in der Nummer 407 in die Casa-Taller des Malers Rafael Durancamps retten, von der ich unlängst gehört habe: offenbar ein öffentlich zugängliches Relikt eines längst verblichenen bürgerlichen Lebensstils. Ich kam aber zehn Minuten zu spät und kann hier nur das immerhin soignierte Treppenhaus vorweisen.

Ich überquerte die Diagonale und an der Vía Augusta geriet mir dieses schöne Hotelschild in den Sucher, was mir den Hinweis auf ein jüngst neu afgelegtes Buch getsattet: Barcelona gráfica des Argentiniers America Sánchez, der Hunderte barcelonesischer Geschäftsschilder, Piktogramme usw. in diesem Band versammelt.



Schon zuvor, noch an Enric Granados, Ecke Provenza, war mir diese renovierte Fassade ins Auge gestochen.

Steckte den Kopf kurz in den Ausstellungssal des CAATB, des Baumeisterverbands an der Calle Bon Pastor, wo die Schweizer Künstlerin Marieke Palocsay (Marika) unter dem Titel Efímer ihre im Barrio Chino entstandenen und inszenierten Aufnahmen von Brandmauern zeigt, jenes nach Aussen gekehrten Lebens nach Abrissen – hier und hier auf katalanisch einige Informationen zu dieser Arbeit.



Ich wunderte mich, wie lange ich nicht mehr durch die kurze Calle Séneca gekommen war, die die Vía Augusta mit Riera de San Miguel verbindet. Eine wunderbar durchmischte Strasse, an der etwa das Restaurant Roig Robí mit seinem Hofgarten liegt, an der es aber auch allerlei Werkstätten und Spelunken gibt, im Bild die Bar Ciudad. Der schwarz umrandete Eingang gehört zu irgendeinem weiteren Designerladen, und zu meinem Schrecken entdeckte ich hier auch die als Verbreiterin faschistischen Gedankenguts berüchtigte Librería Europa, die es also immer noch gibt.

Gleich gegenüber, Hausnummer 13, liegt ein Antiquariat, das in Barcelona wohl einzigartig ist. Es nennt sich Urbana, mit vollem Namen Compañía Urbana de Recuperación. Was da vor der Entsorgung gerettet wird, sind Gegenstände der industriellen Vergangenheit: von Balkongittern und Handläufen bis zu vielerlei kleinerem Krempel.









Die Eigentümer verstehen sich als eigentliche urbane Archäologen. Eines ihrer (unverkäuflichen) Prunkstücke ist übrigens eine von Cerdá unterzeichnete Kopie seines Erweiterungsplans für Barcelona. Leider scheint die Website des Ladens zur Zeit nicht zugänglich zu sein.

Zurück auf den grossen Avenuen, photographierte ich von der Diagonale aus die neue Fassade, die Carlos Ferrater dem einst als BASF-Haus bekannten Chaflán an der Ecke Paseo de Gracia/Rossellón verpasst hat. Die Fassade schreibt sich ein in Ferraters sehr ernsthaft, fast obsessiv betriebene Untersuchungen zwecks Gestaltung des Stadtbilds mit geometrischen Mitteln. Über diesen Post-Cerdiàner ein andermal mehr. Aus der Nähe sind allein schon die Spiegelungen in den grossen Schaufenstern des Erdgeschosses reizvoll.