Gracht

[Baustelle des Monats]

Der Enterich, der hier unter dem kritischen Blick seiner Gesponsin eine Tetrabrikpackung zum Nestbau anliefert, ist offenbar nicht ein barcelonesischer Purist, sondern ein Amsterdamer Grachtenbewohner. 

 

Parc de la Ciutadella: Batlle i Roig vor meinem Balkon; Baldeweg, Bohigas und Bonell jenseits des Parks

[Baustelle des Monats]

Vor einigen Jahren gewannen die Architekten Batlle i Roig (Website z.Zt. im Umbau) einen Ideenwettbewerb zwecks Neugestaltung des Parc de la Ciutadella. Eine halbe Ewigkeit schon träumt man von einer Passerelle, die sich von hier über die Gleisanlagen der Estación de Francia und die Ronda Litoral hinweg in die Barceloneta und an den Strand schwingen soll. Ein solcher Übergang war einst, freilich noch weniger Hindernisse überwindend, für die Weltausstellung 1888 gebaut worden. Und die entsprechende Rampe, von der aus man die Partien des C.F. Barceloneta verfolgen kann, steht in der Barceloneta nächst dem Hospital del Mar seit Jahren bereit. Eines fernen Tages wird die Passerelle wohl gebaut werden.

Hingegen hat man die lang gehegten Pläne, den Zoo aus dem Park in einen Naturraum irgendwo im vorstädtischen Vallés auszulagern, nun anscheinend aufgegeben. Zu kostspielig; man wird sich mit der Verlegung der Meeresfauna in den derzeit im Bau befindlichen Zoo Marino beim Forum-Gelände und einer Erneuerung der durchweg schändlichen Tiergehege begnügen, und den durch seine Ummauerungen und Einfriedungen bisher hermetischen Zoo irgendwie passierbarer und passabler zu machen versuchen.

Batlle i Roig (oder wer immer) werden die lang ersehnte Durchläßigkeit des ältesten Parks der Stadt mithin durch den Zoo selbst erzwingen müssen. Dieselben Architekten bauen zur Zeit schräg gegenüber meiner Wohnung ein munizipales Sportzentrum. Es wächst nächst der Estación de Francia auf einem Grundstück am Ende des Paseo de Circun-valación – Ecke Picasso und Marqués de la Argentera –, das zuvor Basketball-spielplätze aufgenommen hatte, auf denen die Kids (mehrheitlich Immigranten) oft bis in alle Nacht herumtollten. Ihr Geschrei war um drei Uhr früh jedenfalls angenehmer als das Geblök der Nachtclub-Klientel.

 

Diese Ecke der Stadt hat’s im übrigen insofern in sich, als hier auch (nach dem, ca 2004 hier beschriebenen Versuch, sie im nahen Mercado del Borne unterzubringen) die große Provinzbibliothek weiterhin ihren Baugrund sucht; die Markthalle ihrerseits wird nun, mit entnervender Langsamkeit, nach der Offenlegung der in ihrem Untergrund verborgenen Ruinen, zu einer Dépendance des Museu de Història de la Ciutat umgebaut. Wie schön lag der um 1975 (im Gegensatz zu Les Halles in Paris) durch den Widerstand der Anwohner vor dem Abriss bewahrte, dann renovierte Großmarkt vollkommen nutzlos jahrelang mitten im Quartier.

Was aus der Estación de Francia werden wird, wenn eines Tages der letzte Zug hier ein- oder ausgefahren sein wird, ist weiterhin unklar.

Am andern Parkende – Calle Wellington – hat die Universität Pompeu Fabra für ihre Baupolitik, in alten Stadtteilen verstreute Gebäude für ihre Zwecke umzunutzen, die überzeugendsten Lösungen gefunden. Die beiden Militärkasernen – die eine von Esteve Bonell, die andere von Oriol Bohigas (MBM) umgebaut – sind heimliche Sehenswürdigkeiten Barcelonas. Erst recht gilt dies für die Bibliothek im Depósito de Agua, die in ihren nachgerade an die Moschee von Córdoba erinnernden Mauerbögen u.a. die 40'000 Bände der Biblioteca Mystica et Philosophica des Schweizer Gelehrten Alois Haas aufnimmt. Und wer sich je veranlasst sähe, Hussrls zwei Regalmeter einnehmendes Gesamtwerk im Original zu studieren, hätte hier exquisite Gelegenheit dazu.

Schmerzhaft ist, dass die Reihe alter Wohnhäuser vis-à-vis der Zoomauer Neubauten zu weichen hat. Während das Projekt von Benedetta Tagliabue (EMBT) noch auf Eis liegt, hat Navarro Baldeweg an der einst als Straßenstrich bekannten, inwischen jedoch bis auf die neue Straßenbahn nach Badalona ganz verkehrsfreien Calle Wellington bereits ein vielleicht zu exzentrisches, aber deswegen nicht unglückliches Universitätsgebäude hingepflanzt. – Warten wir ab, was weiter geschieht.

Nachbars Kran, choreographisch

[Baustelle des Monats]
Hier ein filmischer Nachtrag zur Baustelle des Monats August:



Erweiterung des Hospital Sant Pau durch Bonell

[Baustelle des Monats]


Es ist merwürdig schwierig, an Informationen über die Erweiterung des Hospital Sant Pau heranzukommen. Dabei verdient dieser Bau zweifellos das Interesse der Öffentlichkeit, geht es doch um die Ergänzung (und funktionell zumindest teilweise um die Ersetzung) eines Ensembles, das zum Unesco-Weltkulturerbe gehört.












Den Wettbewerb gewann vor etlichen Jahren Esteve Bonell (zusammen mit Sílvia Barbera, Josep-Lluís Canosa, Josep Mª Gil, Francesc Rius und dem Ingenieurbüro Robert Brufau) gegen die Crème der andern renommierten lokalen Teams derselben Generation (Martínez Lapeña/Torres, MBM/Ove Arup, Soria/Casares und Viaplana/ Piñon). Bonell scheint, obwohl oder weil er in Barcelona in diesen Jahren so prominente Überbauungen wie die des einstigen Espanyol-Stadions in Sarrià ausführen konnte, einen eigenen Netzauftritt für unter seiner Würde zu erachten; auch auf der so reichbefrachteten wie rudimentär gestalteten Website von Robert Brufau findet sich kein Hinweis auf den fraglichen Bau.

Tant pis. Oben ein Rendering des (inzwischen vermutlich modifizierten) Projekts. Wie auf Google Earth zu sehen (oder zu erahnen), ist jetzt oberhalb des Krankenhauskomplexes die Metrostation der künftigen Linie 9 im Bau, und neben dem staubigen Fussballplatz bereits ein Sportzentrum für das Quartier entstanden. Hier ein Blick auf das alte Ensemble von Domènech i Montaner:




* * *

Das neun Cerdá-Blöcke umfassende Krankenhaus (1902-1930) ist zweifellos nicht nur als ornamentaler Coup de force, sondern mit seinen unterirdisch verbundenen Pavillons auch in organisatorischer Hinsicht ziemlich einzigartig.









Über die künftige Nutzung dieser Pavillons, soweit sie durch den Bonell-Bau funktionell überflüssig werden, ist mir nichts bekannt.










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Hier noch eine Ansicht der Air-Condition-Schmuddelecke unter den Mosaiken, die die Geschichte des gleichnamigen gotischen Hospitals in der Altstadt erzählen. Es wurde durch das modernistische Ensemble obsolet und nimmt heute zur Hauptsache die Biblioteca de Catalunya auf (um mal die doch impressionante historische Perspektive des gegenwärtigen Projekts zu verdeutlichen).

A propos Biblioteca de Catalunya: dieser Tage wurde bekannt, dass sie (nebst einigen andern barcelonesischen Bibliotheken sowie der Madrider Complutense) ihre Bestände von Google digitalisieren und ins Netz stellen lässt, als eine der ersten ausserhalb des englischen Sprachraums.



Chipperfields einschüchternde Ciudad de la Justicia

[Baustelle des Monats]
Im Modell sieht sie ja beinahe niedlich aus, die etwa eine Milliarde Euro teure Ciudad de la Justicia von David Chipperfield, die an derselben Achse wie die zuvor erwähnten Projekte liegt, etwas weiter stadteinwärts, nahe der Plaza Cerdá. Wie auf Chipperfields Website nachzulesen – weiteres bei seinem barcelonesischen Partner Fermín Vázquez unter Projekt 05 – steckt dahinter die Idee, die bisher über die ganze Stadt verstreuten Dienststellen der Rechtssprechung zu zentralisieren: Richter, Anwälte, Täter, Opfer, Schöffen und Zeugen, sie alle werden sich künftig an der Stadtgrenze zwischen Barcelona und L’Hospitalet wiederfinden, in einer der acht Baulichkeiten, die die Justizstadt bilden.

Nähert man sich der Klötzchenlandschaft Chipperfields an, vergehen einem allerdings umgehend alle Diminutive. Nicht sosehr die bis zu 17 Geschosse aufragenden Volumen sind es, die klaustrophobische Gefühle wecken, sondern die massive und – ja: klobige – Wirklichkeit dessen, was im Modell noch so verspielt anmutete. Die obsessiv
vertikalen Fensterreihen gemahnen unweigerlich an Gefängnisgitter – dabei lautete der Auftrag doch nicht, die Angeklagten im Zweifelsfall schon mal hinter selbige zu bringen. Auch die Anwohner, selbst in nicht unbedingt hypersensibel gestylten Wohnkasernen zu Hause, scheinen sich über den Tross neuer Nachbarn schon erschreckt zu haben, trotz deren pastellfarbenen Betongewändern.
P.S. - Anmerkung meines Freundes Jakob Timpe: Ein wenig sehe das Ganze ja auch wie die frisch arrangierten Trümmer des World Trade Centers aus.



Toyo Ito – die Messe wächst

[Baustelle des Monats]


Da die jüngste, kleine feine «Baustelle des Monats» in Wirklichkeit längst keine Baustelle mehr ist, sondern vielmehr Architekturgeschichte, hier eine zweite, entdeckt bei einem Spaziergang in der in diesem Eintrag besprochenen Gegend, die ein einziger Chantier schon fast chinesischen Ausmasses ist. Es handelt sich um den Pavillon 0 der Messeerweiterung von Toyo Ito, der offenbar gegenüber dem ursprünglichen Projekt einige Änderungen erfahren hat. Obwohl die Expansion (für europäische Verhältnisse) zügig vorangeht, ist von den beiden als Messeeingang fungierenden Hochhäusern zurzeit noch wenig zu sehen.




Die Schatulle. Ein Projekt von Markus Grob

[Baustelle des Monats]


Es war einmal ein Gemäuer, bloss ein Waschhaus eigentlich, schlecht und recht auf ein um 1930 errichtetes Wohnhaus im Stadtteil Pueblo Seco gepfropft. Später dann auch bewohnt – zuletzt von einer kinderreichen karibischen Familie, wie ich aus den vom Regen verwaschenen Photoalben schloss, die auf der Terrasse liegen geblieben waren. Die genaue Ausmessung ergab eine Fläche von 25 Quadratmetern, zusätzlich 12 Quadratmeter Terrasse. Böden wie Mauern so schief wie in einer erdbebengeschädigten mexikanischen Kirche.



Das Gemäuer hatte indessen auch einige Vorteile. Zum Beispiel schöne, nach der geltenden Bauordnung unverbaubare Aussichten. Das Quartier ist längst fast durchweg fünf- bis achtgeschossig überbaut. Heute sind in so schmalen Strassen jedoch nur noch zwei Geschosse zulässig, und gerade die benachbarten Bauten, ob älter oder neuer, weisen eine geringe Höhe auf.

Zu Fuss ist man in drei Minuten am Paralelo, an der Metrostation der Linien 2 und 3; anderseits geht die Stadt nur hundert Schritt bergaufwärts abrupt in die letzten Wildräume und in die Pärke von Montjuïc über. Das Pueblo Seco oder Poblesec (der ganze Streifen südlich des Paralelo) hat einen sehr bestimmten, eher herben, in der barcelonesischen Stadtgeschichte verwurzelten Quartiercharakter; mittlerweilen ist die Bevölkerung zu mindestens 30 Prozent nicht-europäischer Herkunft. Das mag teils den relativ günstigen Kaufpreis erklären. Man schrieb das Jahr 2002, schon mitten im seit 1996 anhaltenden Immobilienboom, vielmehr –wahn; seither ist der Wert eines Quadratmeters Wohnfläche im barcelonesischen Durchschnitt auf annähernd 6000 Euro gestiegen.

Wir kauften die Ruine, und ich lud meinen Freund Markus Grob ein, Architekt und damals Dozent in Karlsruhe. Umgehend lagen zwei Entwurfsskizzen vor. Die eine spielte die durch den Grundriss – eher Umriss – gegebene Dreiteilung durch, mit einem sechs Matten umfassenden Tatamiraum am der Terrasse gegenüberliegenden Ende. Wir entschieden uns für die andere, wagemutigere der beiden Varianten. Sie schafft einen 10 Meter langen, aber lediglich 1,97 Meter breiten Raum, von dem einerseits Küche und Bad abgetrennt werden; andererseits erweitert sich dieser Schlauch am Ende in eine Schlafnische, seitlich und oben umrahmt von einem Schrank-«Kabinett». Die Schlafstätte auch hier mit Tatami ausgelegt, darunter weiterer Stauraum: kein Millimeter durfte ungenutzt bleiben. Zwei identische, quadratische Fensteröffnungen ersetzen die bestehenden Zufallslöcher. - Das Modell sah höchst attraktiv aus:



Hier weitere Aufnahmen des Urzustands und dieser Maquette, hier eine instruktive Projektbeschreibung von der Hand des Architekten, hier eine Axonometrieskizze des Kabinetts und hier ein Kabinett- und Tatamiplan.

Die Bauerei war ebenso witzig wie enervierend. Sie dauerte glatt neun Monate. Die erste Bauleiterin erlitt eine Frühgeburt. Manches musste zweimal gebaut werden, zumal der 1200 Kilometer entfernt lebende Architekt die sachgerechte Ausführung nur via Telephon und E-Mail überwachen konnte. Unsere sorgenvolle Korrespondenz ist schon Literaturgeschichte; ich werde Teile davon vielleicht gelegentlich ins Netz stellen.

In dieser Galerie einige Bilder der Baufortschritte. Oh Herrlichkeit der frisch gegipsten Wände! Am meisten Verdruss gab’s mit den Fenstern. Es sollten Stahlfenster sein, so schlank wie möglich, und erst noch preisgünstig. Nachträglich würde man sich vielleicht doch eher mit marktgängigen Aluminiumprofilen abfinden. Bautechnische Komplikationen gab’s auch mit den Einblicke verhindernden Glasbausteinen des Tatami-Fensters.

Der Architekt setzte sich, obwohl es für mich eigentlich nur weisse Wände gibt, bei der Farbwahl durch: goldoliv für den Hauptraum, chinarot für Bad und Küche, rosa für das Innere des Kabinetts.

Eine Lust war natürlich die Auswahl der Accessoires, des WCs etwa (spanisch auch váter genannt). Für die Armaturen leistete man sich Vola. Der Boden: italienische Fliesen, die der Fabrikant ossidianfarben nennt. Und dann die Hölzer: nach langen und genüsslichen Abwägungen in einem Holzlager bei der Plaza España sollte es für das Bad schliesslich Sequoia sein, für die Tatami- und Fliesenrahmung Iroko.

25 Quadratmeter! Wenig später brach in Spanien eine Debatte los, ob – angesichts der Wohnungsnot junger Menschen – das Baugesetz wieder Wohnungen von 30 Quadratmetern zulassen und selbige staatlich fördern sollte. Partout nicht begreifen konnten deren Notwendigkeit einige Altlinke, da offenbar auf immer von der Vorstellung jener kleinzelligen 50-Quadratmeter-Wohnungen verfolgt, in denen sie – wie Millionen Spanier – in den 1960er und 70er Jahren zu viert oder zu fünft eingepfercht aufwuchsen.

Ende Februar 2003 (das ist nicht die Baustelle des Monats, sondern die Baustelle des Jahrzehnts) war die Schatulle fertig. So nannten wir sie jetzt: el estuche.

Noch heute erstaunlich ist, wie die Querbelüftung im Sommer den Raum kühlt. Noch erstaunlicher, wie auf einer gerade mal 10x2 Meter messenden Fläche eine Abfolge stimmungsmässig völlig verschiedener Sphären entstanden ist: ein Schlafkabinett, ein winziger Salon und ein Speiseraum mit Aussicht. Und dazwischen blieb sogar eine Leerfläche, um eine Skulptur aufzustellen: den Nappa-Leder-Beamer des deutschen Künstlers Bernhard Martin, der natürlich zugleich als Ablagefläche dient.

Die weitere Möblierung wurde vorwiegend aus älteren Stücken bestritten: zwei Thut-Sesseln (Prototypen) und einem Aalto-Tisch; daneben einem Kleiderkarren, der im Kabinett die Regale ergänzt. Und für die Musik der (einstweilen etwas antiquierte) Muji-Player.



Ein bisschen japanisch mutet die Schatulle nicht nur wegen der Matten an, sondern ich hatte auch eine japanische Holzbadewanne in Auftrag gegeben. Zufällig war ich mit dem einzigen japanischen Holzschreiner in Spanien (und möglicherweise in Europa) befreundet. Er weigerte sich jedoch, japanisch umwunden, die Aufgabe zu übernehmen, da dies in Japan Sache von Spezialisten sei. Schliesslich fand sich ein junger Schiffbauer aus Mallorca, der sich daran wagte und den wunderbaren Zederbalken (das weiche Zedernholz kam dem unbezahlbaren oder nicht zu erlangenden japanischen Hinoko am nächsten) in eine fein verfugte Wanne verwandelte: o furo.



Als Miniatur der Miniaturen darf schliesslich die Küche mit ihren eleganten Regalen und den wiederum japanischen Schubladenboxen gelten. Hier eine Reihe weiterer Bilder des Intérieurs.

Die Terrasse bleibt hinter der zweiflügligen Tür zunächst verborgen: als das Geheimjuwel der Schatulle, ausserhalb der Schatulle! In deren Flucht bietet, sowie die Tür geöffnet wird, vis-à-vis zwischen zwei höheren Bauten ein begrünter Steilhang dem Blick sich dar: ein glücklicher Zufall.

Der abschüssige Boden der Terrasse wurde mit einem Holzrost ausgelegt, strassenseits als stattliche Sitzbank ausgeführt. Et voilà: das Frühstück kann serviert werden:



Der Blick von Montjuïc zeigt, anders als der vom Tibidabo, nicht das im Cerdá-Raster wohlgeordnete Barcelona; vielmehr eine liederliche, zerzauste Stadt, von der die Schatulle ein winziger Teil ist (Preisfrage: welcher? Rechts der Blick von Miramar durch die zuvor erwähnte Lücke).



Und unten am Paralelo scheint nachts eine Leuchtschrift dem estuche noch einen zweiten Namen zu geben:

Tàpies an Picasso, schallgedämpft

[Baustelle des Monats]
Was ist nun das wieder für eine Phalanx von Baumaschinen, die da am Anfang meiner Strasse aufgefahren ist? Ein Schild belehrt, der Paseo de Picasso werde endlich auch mit schallschluckendem Asphalt ausgestattet, im Zug der seit längerem im Gang befindlichen, gehörfreundlichen Neuasphaltierung aller grösseren Verkehrsachsen der Stadt. Das Aufreissen des alten Asphalts gestaltet sich freilich zunächst wieder mal extra geräuschvoll. Und weil ein Lärm nie allein kommt, werden gleichzeitig noch die Platanen gestutzt (zum Glück, sonst sehen wir bald nur noch grün).

Etwas weiter oben ist seit Wochen eines der interessantesten öffentlichen Kunstwerke Barcelonas hinter einer Bauabschrankung verschwunden. Es handelt sich um die «Hommage an Picasso», die Tàpies nach der Umbenennung und Neugestaltung dieser Strasse um 1980 hier in deren Flucht gestellt hat, entschiedener aber noch in die perpendikulär dazu verlaufende Achse zwischen dem Umbracle und dem Mercat del Born (vgl. diese Baustelle betr. Fontseré).



Ich lehnte mich über den Bauzaun und erblickte, was mir des Herbstlaubes wegen von meinen Wohnungsfenstern aus bisher verborgen geblieben war:



Tàpies hat hier die Durchbrochenheit der beiden Fontseré-Architekturen aus dem späten 19. Jahrhundert sehr klug aufgenommen: mit einem gleichfalls halbtransparenten, nämlich dauernd von Wasser überflossenen Glasquader. Interessant ist auch, wie er ihn gefüllt hat: wiederum mit Eisengestänge, das mit dem Cerdà'schen?) Lot herumspielt. Um dieses gruppieren sich einige rätselhaft anmutende Möbelstücke. Sind das nicht wohl Reminiszenzen an Barcelonas Bordellausstattungen um 1900, wie sie Picasso bestens vertraut waren? Und von denen sich wiederum der Sprung zu seinen Demoiselles d’Avignon anbietet, die ihren Namen ja den Freudenhäusern in Barcelonas gleichnamiger Strasse verdanken?




In Kürze wird Tàpies’ Hommage an Picasso, deren Unterhalt von Anfang an prekär war – zerschlagene Scheiben, oft kein Tropfen Wasser, usw. – also wieder in neuem Glanz, vielmehr Schimmer erstanden sein.







Die Gran Vía – Stadtautobahn mit neuem Profil

[Baustelle des Monats]


In der Überdachung von Stadtautobahnen hat Barcelona reichlich Erfahrung. Zahlreiche Abschnitte der Ronda Litoral und der Ronda de Dalt, die 1992 zum vollständigen Autobahnring geschlossen wurden, verlaufen entweder unterirdisch oder halb überdeckt. Bemerkenswert ist unter anderem der grosse Verteiler in der dicht bebauten Trinitat, der sich kunstvoll um einen Park schlingt.

Die ältere Ronda del Mig wurde zwischen 1995 und 2002 über drei Kilometer, von der Plaça Cerdà bis zur Diagonal, vollständig überdeckt – ein Segen für die Anwohner, die nun statt an einer Autobahn an einer smart gestalteten Rambla leben.

Natürlich forderten hierauf auch die Anwohner des letzten offen verlaufenden Autobahnteilstücks auf Stadtgebiet Abhilfe, des besonders brutalen nordöstlichen Endes der Gran Vía – oh! wie genoss man als Automobilist einst diese Hardcore-Einfahrt! – heute C-32 genannt, von der Plaça de les Glòries bis zur Rambla Prim. Die Teilüberdeckung ist seit einiger Zeit im Bau, schon Ende September soll die neu (und unterirdisch) durch diese Schneise verkehrende Strassenbahn ihren Betrieb aufnehmen, und so habe ich mir heute einen Eindruck über den Stand der Bauarbeiten verschafft. Im Schnitt gleicht die neue Gran Vía mit den 3,5 Meter über die Fahrbahnen vorkragenden Chausseen für den Lokalverkehr ein wenig der Ronda de Dalt. Oberirdisch lassen diese Deckel beidseits einen 28 Meter breiten, leicht abfallenden Streifen frei, der weitgehend begrünt und mit Spielplätzen, Freitreppen usw. ausgestattet wird. Die zusätzlich montierten Schallschutzwände sollen den Lärmpegel von zuvor 77,5 auf 63,7 dB senken.

Die ersten davon sind bereits zu sehen, knicken sich freundlich über die Verkehrshölle, so wie der rechte Winkel auch bei den neuen Strassenlampen ausgespielt hat. Die Gestaltung des Grünstreifens ist noch im Gange, lässt aber ansehnliche Aussenräume erahnen. Näheres zu dem Projekt – auf katalanisch – in dieser Datei.


Neue Nachbarn oder Die Porxos d’en Fontseré

[Baustelle des Monats]


To make a long tale short: Ich lebe seit Jahren auf einer Baustelle. Erst war’s das Haus, in dem ich zur Miete wohne, das praktisch entkernt wurde. Meine Wohnung blieb als einzige so wie sie war: ein Museumsstück nunmehr.

Gebaut wird jetzt aber auch auf dem Nachbargrundstück. Hier entsteht - nur äusserlich zwar - ein Klon jener einheitlichen Häuserreihen, die das Geviert um den Mercat del Born charakterisieren. Am Parc de la Ciutadella entlang zieht sich, von Arkaden gesäumt, der Paseo de Picasso: die Porxos d’en Fontseré, wie sie auch genannt werden, nach jenem Architekten, Josep Fontseré, der sie geplant hat, von dem aber auch die Markthalle und der Entwurf des Parks stammen, und in diesem wiederum das wunderbare Gewächshaus (Umbracle) sowie die grosse Kaskade, an welcher der junge Gaudí als Lehrling mitarbeitete. Dieser Fontseré konnte hier anscheinend schalten und walten, wie es ihm beliebte.

Es waren die Jahre zwischen dem 1860 angenommenen Plan Cerdá und der Weltausstellung, die 1888 auf eben diesem Gelände stattfinden sollte. Cerdás Stadterweiterungsplan war jenem Fontserés vorgezogen worden. Ein Jahrzehnt später aber konnte dieser seine zwar konventionelleren, zeremonielleren, in konstruktiver Hinsicht indessen sehr modernen Vorstellungen trotzdem grossräumig verwirklichen, ohne auf Cerdás Plan Rücksicht zu nehmen, zudem auf einem für die Stadt in mehrerer Hinsicht bedeutungsvollen Gelände: dem der vormaligen, von den Bourbonen errichteten Festung (daher der Name Parc de la Ciutadella). Ihr hatte seinerseits nach der katalanischen Niederlage im Spanischen
Erbfolgekrieg 1714 ein ganzes Altstadtviertel weichen müssen – ein höchst symbolträchtiger Urbanizid, auf den dieser NZZ-Artikel über den Mercat del Born etwas näher eingeht (im Bild der gegenwärtige Zustand).

Ruinen des nach 1714 zerstörten und durch die Zitadelle ersetzten Viertels sind nicht nur in der Markthalle ausgegraben worden, sondern auch, wie ich Tag für Tag von meinem Fenster aus beobachten konnte, auf meinem Nachbargrundstück. Fontserés Überbauungsplan war gerade am Parkrand, zweifellos weil den Erbauern das Geld ausgegangen war, unvollendet geblieben. Der arkadengesäumte Paseo Picasso, diese Rue de Rivoli à la barcelonaise, hatte seine Zahnlücken, die durch schäbige ein- und zweigeschossige Zweckbauten gefüllt worden waren, Ableger des 1972 geschlossenen Grossmarkts. Noch heute gibt es hier einige phantastische En-Gros-Handlungen - Konserven, Bacalao, Hülsenfrüchte in unerahnten Varietäten. Halb grandios, halb verlottert – für mich machte gerade diese Ambiguität den Charme der Strasse aus.



Stadtplaner sehen das anders, ebenso – seit sich das angrenzende Altstadtquartier zum Modeviertel und Liebkind der Immobilienbranche entwickelt hat – Investoren und Promoter. Es war die Stadt selbst, die das fragliche Grundstück (nebst zwei weiteren am Paseo) vor einigen Jahren an den Meistbietenden verkauft hat: zu einem Preis, der damals schon Wohnungen à 6000 Euro pro Quadratmeter voraussehen liess. Inzwischen dürfte ein 100-Quadratmeter-Apartment hier fast eine Million kosten.

Lange hatte sich meine Nachbarschaft aus ziemlich seltsamem Gelichter zusammengesetzt. Dann hatte ich überhaupt keine Nachbarn mehr. Nun werden lauter Bobos hier einziehen. (Heute fand ich im Treppenhaus einen Brief für einen gewissen Thierry Ququ, der schon Post erhält, bevor er seine Wohnung im Prinicipal bezogen hat. Die ersten neuen Nachbarn, die ich mit eigenen Augen sah, waren zwei homosexuelle Briten mit einem Kleinkind.)

Das wird auch im Nachbarhaus nicht anders sein, dessen Rohbau nun vollendet ist. Noch vor einem Jahr scharrten hier Scharen von Archäologen, die den Bau zwar nicht verhindern konnten, aber die Architekten doch zu einer ziemlich vertrackten Fundamentierung nötigten, um die spätmittelalterlichen Ruinen zu verschonen, welche zuletzt – ich traute meinen Augen nicht – sorgsam in weisse Planen gehüllt wurden, so dass in hundert Jahren, wenn es dann noch Altertumsforscher gibt, ein Kollege die altkatalanischen Trümmer wieder in Augenschein nehmen kann. Ruinenbegeisterung nennt man das.





Dann begann der Bau zu wachsen. Monatelang durfte ich tagein tagaus dem Zusägen der Schalbretter lauschen, und endlich erreichte das Skelett das vierte Geschoss und wurde mit einem Attiko abgeschlossen, das mir nun das Entrée, die Küche und das Bad verdunkeln wird. Meine eigene Wohnung ist fast zwanzig Meter tief, die heutige Bauordnung gestattet hingegen nur noch zwölf Meter – unglücklicherweise gerade genug, um den kleinen Lichthof zu schliessen, auf den die zentralen Teile der Wohnung gehen. – Weitere Bilder des Baufortschritts in dieser Galerie.

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