Die Campana Brothers – von Sâo Paulo nach Istanbul

Über Design ist hier kaum je die Rede, aus dem einfachen Grund, weil diese Stadt davon überquillt. Wo anfangen? So schweife ich zwischendurch in die Ferne, zu Entwerfern aus São Paulo und Istanbul, die auch weiterhin von dort aus arbeiten. Vor einigen Tagen hielten die Campana Brothers aus Brasilien im FAD einen Vortrag. Zugegen war auch Massimo Morozzi, Chef von edra, ihrem italienischen Fabrikanten. Präsentiert wurden – im Gegensatz zu den Katalogbildern freilich in jugendfreier Manier – einige neue, an der Dschungelfauna inspirierte und wahrlich bequeme Sofas oder Liegelandschaften.

Sensationell ist auch die Website der brasilianischen Brüder. Sie haben ihre Karriere von Anfang an auf der «Local/global»-Schaukel aufgebaut, die sie umgehend an die mollge Spitze der Designerszene katapultiert hat.
Schon ihr angeblich erster Entwurf, der Vermelha Chair (links), wurde in die Sammlung des New Yorker MoMA aufgenommen. Morozzi erläuterte recht charmant den Unterschied zwischen ihrem (auch seinem) Vorgehen und dem «einer Firma wie, sagen wir, Sony, die dreitausend Designer beschäftigt». Bei den Campana Brothers sei zuerst eine Idee da, deren Ausführung vielleicht eine Menge Probleme stelle. Mit ein bisschen Kopfzerbrechen finde man jedoch immer eine Lösung – «na, fast immer». Bei den Japanern hingegen seien a priori eine Menge Lösungen da; die Probleme stellten sich dann später ein.Ideen hat sicherlich auch Derin Sariyer in Istanbul, um stilistisch gleichwohl zu ziemlich andern Ergebnissen als die Campana Brothers zu gelangen. Unlängst hat die Firma recdi8 hier im Barrio, in der Gasse mit dem schönen Namen Flor del Lliri, einen Showroom mit Derins Entwürfen eröffnet. So etwa dem Sofa Mass, das indessen eher auf die Sinnlichkeit eines Airports zugeschnitten scheint.

chic&basic Born
Die Portale der nach 1870 um den Mercado del Borne entstandenen einheitlichen Wohnbauten sind imposant. Hinter einem davon verbirgt sich neuerdings – unscheinbar – eine Herberge, die von allen Hotels den Fashion Hype des Barrios wohl am gerissensten spiegelt: chic&basic. Dazu gehört die fancy White Bar mit ihrem «Discokugel»-Bartresen. Die Zimmer kosten zwischen 90 und 150 Euro – günstig für Barcelona. Die Firma lässt verlauten, dass sie weitere Zwei-, maximal Dreistern-Hotels zu eröffnen gedenkt: das nächste am einst so berüchtigten (und immer noch recht unterweltlichen) Carrer del Arc del Teatre nahe der Ramblas.

Muji, Barcelonas neuer Hirt
Seit einigen Wochen kann man all die Herrlichkeiten endlich auch in Barcelona kaufen, an der Rambla Catalunya 81.

Durmibus

Designerschokolade

Bei Xocoa hier im Barrio wurden diese Ostern nicht Schokoladehasen verkauft, sondern Fussbälle und Turnschuhe – gleichfalls aus Schokolade. Ich decke mich schon länger bei dieser Firma ein, die Schleckmäuler mit ihren wunderbaren Truffe-Ventalls verführt, aber auch prima Tafelschokolade mit Ingwer, Grüntee, Jamaicapfeffer usw. anbietet. Das Motto der Schokodesigner: Consmuir preferentemente antes de que se acabe.
Es mag überraschen, dass barcelonesische Pâtissiers heute die vielleicht einfallsreichsten Zuckerbäcker der Welt sind – ich sage nicht die besten, aber doch die mit den seltsamsten Hervorbringungen. Einige von ihnen haben denn auch längst Filialen in Madrid eröffnet und exportieren fleissig nach Japan und in die USA: eine ernstliche Konkurrenz für die belgischen und französischen Kakaomaestros – von der verpennten Schweizer Schokoladeindustrie zu schweigen. Hier einige Links: Cacao Sampaka, Chocolat Factory und bubó.
Es gibt im übrigen in Barcelona auch ein Schokolademusuem, das Museu de la Xocolata.
Wie ein Bewohner der Stadt diese «Kakaophilie» erlebt, ist in diesem kurzen Text von Edgardo Dobry nachzulesen.
Kein Wunder, hat auch das Museu d’Art Contemporania (Macba) ein Hauptwerk süsser und verderblicher Kunst erworben, Dieter Roths 1970 entstandenes «Schokoladenmeer», von dem ich leider kein Bild aufzutreiben vermag.
Dienstleistung
Etliche dieser neuen Häuser sind ziemlich gut gestylt – hier einige Links:das Grand Hotel Central; das Neri am mysteriösesten aller Altstadtplätze; und - vermutlich das Summum aller Verwöhnung -: die Casa Fuster. Hier der Ausblick auf den Paseo de Gracia:

Wohlfeiler und mit industriellem Touch mitten im Eixample: Granados 83 sowie das Hotel B.
Auch die für ihre Schlarpen bekannte Firma Camper hat ihr erstes Hotel eröffnet: Casa Camper.
Schon nicht mehr brandneu, aber immer noch empfehlenswert: die Banys Orientals; das AC Diplomatic; das Omm. Und, um vom Tibidabo aus den Überblick über die Stadt zu bewahren: La Florida.
Im Bau ist jetzt auch das 120 Meter hohe Hotel Habitat Sky der gleichnamigen Kette, Ecke Diagonal/Pere IV. Der Entwurf stammt, wie auch der des gegenüberliegenden Geschäftshauses, von Dominique Perrault.

Gepriesen sei der Boden
I'm lovin' it

Im übrigen findet man auf dem Weg zu den Toiletten noch ein kleines Exempel von Logokunst:

Aus Schneeflöckchen wird eine afrikanische Edelkastanie
der weisse Gorilla Copito de Nieve oder Schneeflöckchen, der letztes Jahr im Zoo von Barcelona gestorben ist.


