Via Layetana
recht augenfällig ist auch diese Auskernung an der Via Layetana, Ecke Condal (gleich neben der aus faschistischen Zeiten berüchtigten Jefatura de Policía)
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2009-02-27 Via Layetana
recht augenfällig ist auch diese Auskernung an der Via Layetana, Ecke Condal (gleich neben der aus faschistischen Zeiten berüchtigten Jefatura de Policía)
2007-04-05 Descanso - PauseLiebes Publikum, 2007-01-30 Anisakis, qualmfreiDas Madrider Gesundheitsministerium scheint sich darauf zu kaprizieren, Spaniens Gastwirte zu schikanieren. Vor einem Jahr setzte es ein Anti-Raucher-Gesetz in Kraft, das sich weitgehend als Farce erwies – ausser an den nunmehr strikt rauchfreien Arbeitsplätzen. Wird denn aber, kann man sich fragen, in Bars nicht auch gearbeitet? Denn da Eigner und Gérants von maximal 100 Quadratmeter grossen Lokalen selbst entscheiden durften, ob sie lieber ihre rauchende oder ihre nichtrauchende Kundschaft verprellen, wird in den weitaus meisten Bars wie und je gepafft. Erstaunlich übrigens, wie viele Lokale offenbar exakt 99 Quadatmeter messen! (Vgl. dazu diesen nicht mehr ganz taufrischen Text, der auf einem Gespräch mit der uruguayischen Dichterin und Ex-Raucherin Cristina Peri Rossi beruht.) Grösseren Etablissements wurde eine bauliche Unterteilung (mit separater Entlüftung des Raucherbereichs) vorgeschrieben, deren Kosten die meisten Wirte schon deshalb scheuten, weil eher früher als später ja doch das totale Rauchverbot folgen wird. Derzeitiger Stand der Dinge: an Spaniens Theken ist alles beim Alten, hingegen sind viele Restaurants jetzt qualmfrei, während die grossen Nachtschuppen teils eine gewisse gesetzeswidrige Toleranz walten lassen. Die Raucher vor die Tür zu setzen, würde zwar ungleich idealere Anbandelsituationen schaffen, als sie sich im Getöse und Geflicker im Inneren je bieten, daneben aber auch dem Nachtlärm auf den Gassen Vorschub leisten. Was im Grunde wiederum das Gesundheitsministerium auf den Plan rufen müsste. Interessanterweise hat sich jedoch dieses, gerade was die den Spaniern zugemutete Lärmbelastung betrifft, bisher taub gestellt. Dabei sind die Belästigungen durch Nachtschwärmer bloss Bagatellen im Vergleich zum Bau- und Verkehrsgetöse, das Millionen fast zum Wahnsinn treibt. Stattdessen hat die Gesundheitsministerin ihre Aufmerksamkeit nun einem kleinen Wurm zugewandt, Anisakis genannt, dessen Larven ursprünglich den Exkrementen von Meeressäugern (Walen, Delphinen) entstammen, und der auf etlichen Umwegen mitunter in den Verdauungstrakt menschlicher Konsumenten gelangt, insbesondere die Mägen von Liebhabern roh genossener Speisefische. Um die Verbreitung der schmerzhaften, in Extremfällen sogar lebensgefährlichen sogenannten Anisakiasis einzudämmen, schreibt ein ministerieller Erlass nun vor, zum rohen Genuss bestimmter oder bei unter 60º gegarter Fisch habe zuvor auf mindestens -20º tiefgekühlt zu werden – dies die Grenzwerte, die der Parasit nachweislich nicht überlebt. Wissenswertes über den Anisakis teilt weiter die U.S. Food and Drug Administration mit; und wer es gern anschaulich hat, kann sich das Video einer Endoskopie ansehen, bei der das Würmchen im Magen eines Betroffenen aufgespürt wird. 95% aller Anisakiasis-Fälle wurden bisher, sashimi oblige, in Japan registriert. In weitem Abstand folgen Holland, das seine Heringe, und Spanien, das seine boquerones gleichfalls roh zu verzehren beliebt. Hätten nun jedoch, kann man sich fragen, die nachgerade epidemische Verbreitung japanischer Restaurants in Spanien, zudem die von der Haute Cuisine gepflegten sanften Garmethoden, die zunehmend auch am heimischen Herd als gute Sitte gelten, nicht zu einer ebenso epidemischen Zunahme der Anisakiasis führen müssen? Dies umso mehr, als heute angeblich bis zu 40% der Fänge aus dem Nordatlantik (für das Mittelmeer werden Zahlen zwischen 5% und 15% genannt) von dem Parasiten infiziert sind. Die Zahl der durch ihn Erkrankten steht dazu jedoch in keinem Verhältnis. Als Hauptursache für das Grassieren des Anisakis wird die Unsitte der Hochsee-Fangflotten vermutet, die Innereien ihres Fangguts, bevor dieses tiefgekühlt wird, ins Meer zurückzuwerfen; was auch erklären würde, warum der Nordatlantik weit stärker betroffen ist als das ohnehin schon fast leergefischte Mittelmeer. Leidtragende sind zunächst jene letzten Mohikaner des mediterranen Fischereigewerbes, die weiterhin tagtäglich frische, wiewohl teils von dem Schädling verdorbene (oder allein durch den Verdacht entwertete) Ware anlanden. Von ihrer Seite ist in Sachen Anisakis indessen kein Wort an die Öffentlichkeit gedrungen. Die den ministeriellen Erlass, der es ihnen hinfort untersagt, frischen Fisch roh oder unter 60º gegart zu servieren, umgehend als Attentat auf ihre Kunst bezichtigten, waren Spaniens Spitzenköche und Gastro-Gurus. Einer von ihnen hat die Massnahme mit dem Eingriff eines Chirurgen verglichen, der wegen einer kleinen Fingerblessur gleich den ganzen Arm amputiert. Die Kenner der Materie zu konsultieren, hielt das Ministerium offenbar für überflüssig. Auch welche Fischsorten – ob alle gleichermassen, ob einige vielleicht gar nicht – vom Anisakis betroffen sind, schien der Behörde nicht mitteilenswert. Wie steht es diesbezüglich etwa mit den Fischzuchten entstammenden Daurades, Wolfsbarschen und Turbots, die heute auch auf den Märkten am Mittelmeer weit häufiger als ihre «wilden» Artgenossen angeboten werden? Mehr noch als für michelingestirnte Köche wären solche Informationen für den Normalverbraucher relevant. Oder soll dieser vielleicht künftig mit dem Stichthermometer am heimischen Herd stehen? Der ministerielle Erlass nimmt ausschliesslich die Profiköche in die Verantwortung, während sich der private Konsument weiterhin nach eigenem Gutdünken verköstigen oder vergiften kann. Fischliebhaber pflegen einen Fischhändler ihres Vertrauens zu haben, ich etwa «meine» Enriqueta in der Santa Caterina. Und eine solche Marktfrau und Künstlerin der Fischzerlegung wirkt nun einmal glaubwürdiger als eine Gesundheitsministerin, die vielleicht seit der Anatomiestunde nie mehr einen Fisch ausgenommen hat und es nun dennoch als ihre Mission betrachtet, das ahnungslose Volk vor den Gefahren des Anisakis zu bewahren. Dieser aber befällt das Fleisch eines Fisches erst, wenn dieser nicht mehr frisch ist bzw. die Innereien nicht rechtzeitig entfernt wurden. Meine bloss flüchtigen Recherchen haben ergeben, dass ähnliche Vorschriften, wie sie nun in Spanien gelten, in den USA (denen man in Sachen Esskultur nicht unbedingt nacheifern möchte) schon länger in Kraft sind. Des weitern aber auch, dass sogar die japanische Alltagskost, genauer der zu Sushi und Sashimi zu verarbeitende Fisch, zuvor mehrheitlich flash frozen wurde – eine Gefriermethode, die den Geschmack nur unwesentlich beeinträchtigt. Über die entsprechenden nitrogengekühlten Apparate verfügen auch Spaniens Grosshändler, für die Einzelkämpfer im Gastgewerbe sind sie jedoch kaum erschwinglich. Über solche Details hat sich das Ministerium, das frischen Fisch auf Spaniens Tellern nur noch durchgebraten (in schwammigem Amtsspanisch: «correctamente cocinado») dulden will, offenbar keine Gedanken gemacht. Sein Erlass ist ein Pfusch, wenn nicht, glücklichenfalls – wie schon das Anti-Raucher-Gesetz – schlicht eine Farce. 2006-12-20 Der Bauunternehmer als ErzganoveSpaniens Bösewicht der Woche war für einmal weder ein mit Schmiergeldern um sich werfender Bauunternehmer noch ein korrupter Bürgermeister, sondern der Chef der Luftfahrtgesellschaft Air Madrid, die wie hier gemeldet Mitte Dezember ihren Betrieb eingestellt hat, kurz bevor ihr ohnehin die Lizenz entzogen wurde. Als Grund für letzteres wurden vom zuständigen Ministerium nicht nur die chronischen Verspätungen, sondern auch schwere Sicherheitsmängel genannt. Geprellt sahen sich 300’000 Kunden, die ihre Tickets bereits gebucht hatten: mehrheitlich in Spanien lebende Lateinamerikaner, die über die Feiertage nach Hause reisen wollten, denn Air Madrid bediente vor allem die Südatlantikrouten. Die Zahl der Passagiere, die ihren Hinflug mit Air Madrid noch absolvieren konnten, nun aber selber sehen müssen, wie sie wieder nach Hause kommen, wurde auf 130'000 nach oben korrigiert. Die entsprechenden Bilder von in den Terminals von Madrid und Barcelona, vermutlich auch Quito, Buenos Aires usw. campierenden Menschen füllen dieser Tage die Zeitungen. Inzwischen wurde bekannt, dass es sich beim Gründer und Direktor dieser Airline, José Luis Carrillo, um einen Selfmademan handelt, der sein Geld zuvor in der Hotellerie und Bauwirtschaft gemacht hat. Also doch wieder so ein Musterknabe der Immobilienbranche, die in Spanien zum Inbegriff der Geldgier und Verderbtheit schlechthin geworden ist. Im Jahr 2006 ist kein Tag vergangen, ohne dass die Presse mindestens einen der Korruptionsfälle ins Licht rückte, die die beispiellose Zubetonierung des Landes (namentlich der Mittelmeerküste und der Umgebung von Madrid) möglich gemacht haben. Zu deren Veranschaulichung sollen zwei Zahlen genügen: Spaniens Zementverbrauch ist annähernd so hoch wie der der siebenmal bevölkerungsreicheren USA, und in Spanien werden jährlich mehr Wohnungen gebaut als in Deutschland, Frankreich und Grossbritannien zusammen. Das Zauberwort lautet recalificación: Umwidmung oder, helvetisch, Umzonung. Das spanische Bodengesetz von 1998 gab – indem es alle graduellen urbanistischen Bewertungen und die entsprechenden Befugnisse schlicht abschaffte, um als einziges Kriterium den Marktwert des Bodens zu anerkennen – bis auf einige Schutzgebiete praktisch das ganze Land zur Überbauung frei. Ausgeheckt wurde es natürlich vom Kabinett Aznar, der von 1996 bis 2003 herrschenden, im NZZ-Jargon «konservativ» genannten Rechtsregierung des Partido Popular. Wobei das Wort konservativ in diesem Fall doch ein wenig höhnisch klingt. Zuständig für Umwidmungen sind die lokalen Behörden: was erst die Schmiergelder, dann den Beton in Strömen fliessen liess. Die jähen Wertsteigerungen – genannt pelotazo oder auf deutsch, im Drogenjargon: Kick – hatten vielenorts Methode. Der archetypische Fall ist Marbella; mehr darüber in dieser Reportage. Näheres zur Madrider Bauwut (aus der noch argloseren Sichtweise des Jahres 2003) hier. Den Ehrentitel als Schurke der Woche macht dem Chef von Air Madrid denn auch ein Lokalpolitiker streitig: Eugenio Hidalgo, der Bürgermeister von Andratx, einem schicken Vorort von Palma de Mallorca, der Mitte Monat wie vor ihm schon etliche seiner Amtskollegen im Knast landete. Er hatte, wie es das Los spanischer Lokalpolitiker zu sein scheint, für Umwidmungen und Baubewilligungen von Promotern und Bauunternehmern Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Euro kassiert (die stets bar entrichteten Bestechungsgelder erklären den auffällig hohen Anteil Spaniens an 500-Euro-Scheinen). Pikant an dem Fall ist, dass Hidalgo, wie vom Untersuchungsrichter abgehörte Telephongespräche beweisen, kurz vor seiner Verhaftung von seinen Parteikollegen gewarnt wurde und belastendes Material noch vernichten konnte. Er gehört wie die Mehrzahl der inkriminierten Politiker dem Partido Popular an; was freilich keineswegs heisst, dass Sozialisten und Angehörige regionaler Parteien von Sünde frei sind.Das Finanzministerium will herausfinden, warum jeder vierte 500-Euro-Schein in Spanien kursiert. 2006-12-15 Monumentale Groundings: für Air Madrid und für Stierkämpfe in BarcelonaHeute nachmittag hat die Billigairline Air Madrid sämtliche Flüge eingestellt. Laut ihrem eigenen Communiqué müssen 120’000 Passagiere nun selbst sehen, wie sie wieder nach Hause kommen – die meisten von ihnen über den Südatlantik, hatte Air Madrid sich doch auf diese Routen spezialisiert. Bereits in den nächsten Stunden will das zuständige Ministerium «aus rein humanitären Gründen» mit zwei gecharterten Jumbos, die von Madrid und Barcelona aus Buenos Aires anfliegen, zunächst etwa 1300 Passagieren aus der Patsche helfen. Ironischerweise schiebt die Airline die Schuld für ihr (als noch nicht definitiv bezeichnetes) Grounding eben diesem Ministerium in die Schuhe. Sie hatte durch ihren miserbalen Service – stunden-, teils auch tagelange Verspätungen als Normalfall – für soviel Ärger gesorgt, dass die Regierung ihr öffentlich mit dem Entzug der Lizenz drohte. Nun wirft Air Madrid dem Luftfahrtminister vor, ihr Image vorsätzlich zerstört und sie dadurch in diese Krise manövriert zu haben. ![]() Heute ist ausserdem bekannt geworden, dass die nächste Stierkampfsaison in Barcelona voraussichtlich die letzte sein wird. Zwar hat die Stadtregierung schon im Frühling 2004 die Stadt als «antitaurina» definiert, ohne Stierkämpfe jedoch zu verbieten. Nun haben die Impressarios der Plaza de Toros Monumental bekanntgegeben, die vom April bis in den Herbst dauernde Saison sei für sie schon länger ein Verlustgeschäft, weshalb sie es auf die Saison 2008 hin aufzugeben gedächten. 2006-10-06 Der Fänger im stockenden Verkehr2006-10-05 Sittenverwilderung IV Nach dem Gebäudeprüfer - vergleiche auch die Einträge zur Sittenverwilderung I, II und III - habe ich eben eine weitere neue Spezies entdeckt, mit der uns die Stadt vor dem Zerfall, eben dem der Sitten, zu schützen versucht: den Promotor Cívic. Wie soll man das nun wieder übersetzen? Sittsamkeitsförderer? Manierlichkeitsassistent? Aufgabe der Dame, die sich als Argentinierin herausstellte, ist es, auf unsachgemäss entsorgtem Müll einen Kleber mit der Aufschrift ORDNUNGSWIDRIG HINTERLASSENER KREMPEL anzubringen und das so gekennzeichnete Depositum mit dem Handy im Bild festzuhalten. Was dann weiter geschieht, entzieht sich unserer Kenntnis, ebenso, wer die Uniform entworfen hat. ![]() 2006-08-04 Sittenverwilderung III![]() Sass gestern friedlich im Strassencafé an Allada Vermell, als oben am Platz plötzlich eine Strassenschlacht ausbrach: offenbar zwei rivalisierende Gangs. Als kämpften sie bei rauhem Seegang auf einem Schiffsdeck, drifteten die zwanzig oder dreissig ineinander verkeilten Leiber mal nach links, mal nach rechts, um schliesslich unter anhaltendem Gebrüll in der Calle Carders zu verschwinden. Noch so ein Problem, diese Gangs lateinamerikanischer Immigrantenkids; die bekanntesten, mit New Yorker Stammbaum, sind Los Ñetas und die Latin Kings. Ich wollte eigentlich bloss noch einmal auf die «Verordnung betreffend die gute Gesittung» zurückkommen, die Ordenanza del civismo, die bereits hier und hier zur Sprache kam: diesen Versuch der Stadt Barcelona, ihre Bewohner (und ihre Besucher) Mores zu lehren. Jetzt erst, da der Hochsommer und mithin die Hochsaison der Sittenverwilderung da ist, lässt sich ermessen, wie diese ganz schön rabiat klingenden Vorschriften in die Praxis umgesetzt werden. Wobei die eigentliche Feuerprobe, das in den letzten Jahren zur allnächtlichen Strassenschlacht degenerierte Quartierfest in Gracia in der zweiten Augusthälfte, noch bevorsteht. Mitte Juni verlautete, die Polizei habe seit Inkrafttreten der Verordnung 17'000 Geldstrafen verhängt, darunter 1594 für öffentliches Urinieren, 3322 für Graffiti und Sprayereien i.A., 5500 für ambulanten Handel, 1320 für die trileros (die Glücksspiel-Schwindler), usw. 2030 Bussen betrafen den Strassenstrich, das umstrittenste Kapitel der Verordnung; weitere 23 wurden wegen öffentlichen Kopulierens verhängt. Letztere gehören zu den teuersten, 1500 bis 3000 Euro pro Missetat. Die Tarife sind allerdings generell sehr happig. Trotzdem wurden die reellen Einnahmen nach fünf Monaten auf gerade 76'000 Euro beziffert: die Zahlungsmoral lässt in solchen Fällen zu wünschen übrig, und im übrigen kann man auch Rekurs einlegen. Cash bezahlt haben – vermutlich um sich die schriftliche Anzeige zu ersparen – mehrheitlich nur die Freier (die sich genauso strafbar machen wie die Strassenmädchen). Und nun ein paar die Ordenanza betreffende Beobachtungen aus der wirklichen Hitze der Nacht: 1.) Abends um neun halten vor dem Corte Inglés – das Kaufhaus schliesst um zehn – die Strassenhändler ihre Ware auf schnell zusammenzuraffenden Decken feil. Sonnenbrillen aller Marken, gefälschte Louis-Vuitton-Täschchen sonderzahl liegen noch weit Paseo-de-Gracia-aufwärts auf den (echten?) Gaudí-Fliesen aus. Das Top Manta genannte Geschäft scheint wie eh und je zu laufen – und wegzulaufen, sobald die Polizei erscheint. Wie eh und je, denn legal war es nie. Bloss die Strafen sind nun drakonischer. Auch der mannigfaltige weitere ambulante Handel blüht. Die pakistanischen Bierverkäufer benützen die allgegenwärtigen Abfallkörbe als Zwichenlager für ihre Ware. Einige dieser lateros haben jetzt vorausblickend in ohnehin verbotene Substanzen diversifiziert. 2.) Vor dem Macba brettern abends um elf die Skater scharenweise vor den auf Richard Meiers langem, menschenfreundlichen Mäuerchen wie Vögel aufgereihten Kiebitzen (die allerdings gar nicht hingucken). Gegen Mitternacht erscheint eine Patrouille und weist sie weg – freilich ohne die theoretisch bis zu 700 Euro reichenden Strafgelder einzufordern. Als Anwohner würde ich resignieren – so wie ich einst das jahrelang anhaltende Bongo-Getrommel im Park gegenüber meiner Wohnung schon als unvermeidlich hinzunehmen begonnen hatte, als die Stadtpolizei ihm eines Tages doch ein Ende setzte. 3.) An der Plaza Real: business as usual. Allerdings gibt es die nächtlichen Sit-ins nicht mehr, die noch letzten Sommer eher unangenehm auffielen, bestritten von Asphalthöcklern aus dem hohen Norden (mindestens ein paar Milanesi waren zwar auch immer dabei), denen die örtlichen Bierpreise nicht passten. Vielleicht werden diese Knauser jetzt einfach weggesprüht? Denn die Jungs von BCNeta sind mit ihren gelben Schläuchen heuer eifriger bei der Sache denn je. Keine Gasse, die nach Mitternacht nicht abgespritzt wird («Hose ´em away» , wie mein Freund Rahul jeweils sagte), und wer mit Espadrilles unterwegs ist, wird sich nach den Gängen über den nassen Asphalt alsbald in La Manual Alpargatera ein neues Paar kaufen müssen. Kleine Nebenfrage: War nicht an der Plaza Real einst das gelegentliche Auftauchen, die Zeitlupenein- und rundfahrt eines Patrouillenwagens um den Platz herum, viel einschüchternder als jetzt die ständige Bereitschaftsstellung der neuen katalanischen Polizeitruppe, der ach so schnieken und trotzdem das Auge beleidigenden Mossos d'Esquadra, an einer der Platzflanken? Kurz und gut: In der Praxis ist aus der präventiven Repression bisher nicht viel geworden. Die gesellschaftliche Wirklichkeit lässt sich gottseidank nicht mit ein paar Vorschriften aus der Welt schaffen. Auf den besonders absurden Versuch, dem Strassenstrich den Garaus zu machen, ist demnächst zurückzukommen. 2006-08-03 Flughafen-Streik – Die Inkompetenz der InkompetentenJe näher man das Flughafendebakel der vergangenen Woche anblickt, desto ferner blickt es zurück. Niemand in Barcelona scheint mehr begreifen zu können, wie geschehen konnte, was geschah: dass ein Teil des Bodenpersonals einer privaten Fluggesellschaft – 400 Mitarbeiter von Iberia – mit einem wilden Streik ein Chaos auszulösen vermochten, das die Reisepläne von über 100'000 Passagieren durchkreuzte, unzählige weitere in Mitleidenschaft zog und die Terminals während des ganzen Wochenendes in ein enormes Camping verwandelte. Zu schweigen von der gefährlichen Situation, Dutzende über der Stadt kreisender Flugzeuge am Landen zu hindern. («Il n'est pas donné à tout le monde d'aller à Barcelone», wie schon Picabia sagte.) Nur die Taxifahrer rieben sich die Hände – viele von ihnen brachten verzweifelte Reisende bis nach Paris (Tarif: 1100 Euro), Genf oder Madrid (700 Euro). Jetzt scheint der Moment gekommen, ein paar Fragen zu stellen. Warum hat die Polizei die Meuterer nicht augenblicklich und notfalls gewaltsam von den Pisten vertrieben? Es wäre zu gefährlich gewesen, hiess es erst: schon wegen des kerosingetränkten Asphalts. Später wurde angeführt, es hätte an der Situation nichts geändert: der Flugbetrieb wäre durch den Streik des Handling-Personals ohnehin lahmgelegt geblieben. Man kann Streikende ja nicht gut an die Arbeit zurückprügeln. Wer war überhaupt zuständig, wer hatte die Entscheidungen zu treffen? Der schwarze Peter liegt bei der Luftfahrtbehörde AENA und bei Iberia. Dass das Verhältnis von Iberia zu Barcelona nicht das beste ist, wurde hier jüngt angedeutet. Die katalanische Regierung fordert seit Jahren die Oberhoheit über den Flughafen, der ihres Erachtens von AENA gegenüber Madrid benachteiligt wird. Doch nicht einmal das jüngst abgesegnete neue Autonomiestatut räumt ihr diese Kompetenz ein. Trotzdem hat die Opposition gestern bei einem Hearing im katalanischen Parlament die Unfähigkeit der Regierung Maragall gegeisselt – «die Inkompetenz der Kompetenzlosen», mokierte sich La Vanguardia. Nun wird es Klagen hageln einerseits von geschädigten Passagieren, andererseits hat ein örtlicher Richter gegen die Streikenden ein Ermittlungsverfahren wegen Gefährdung der Flugsicherheit und wegen Freiheitsberaubung (die 100'000 festsitzenden Passagiere) eingeleitet. Natürlich sorgt man sich nun allerseits um den Imageschaden, den die Stadt dadurch erlitten hat. Dabei hatte sie freilich Glück im Unglück. Seltsamerweise überging die internationale Presse – sehr im Gegensatz zur spanischen – das Chaos in Barcelona fast vollständig. Zeitungen wie Le Monde, FAZ, NZZ oder The Guardian war es nicht einmal eine Agenturmeldung wert. Was wiederum beweist, dass Barcelona eben doch eine zweitrangige Stadt ist, denn dasselbe Desaster in Mailand oder Paris hätte zweifellos ein anderes Echo gefunden. Hier zum Trost noch ein fast ebenso chaotisch anmutendes Bild von der Baustelle des neuen Terminals, das die Kapazität des Flughafens auf über 50 Millionen Passagiere im Jahr erhöhen soll: ![]() 2006-07-29 Chaos am Flughafen oder Die Durchdrehwoche![]() Die Villa La Ricarda hatte gestern einen ihrer ruhigsten Tage seit Menschengedenken. Nachdem Iberia die Konzession für die Handling Services auf dem Flughafen Barcelona entzogen worden war, traten die betroffenen Arbeiter – pünktlich zum Ferienbeginn – in einen wilden Streik und besetzten die drei Pisten (im Bildhintergrund der die Ricarda bergende Pinienwald). 544 der 942 vorgesehenen Flüge fielen aus, über 100 000 Passagiere waren betroffen. Gegen Abend konnte der Flugbetrieb wieder aufgenommen werden, das Chaos aber hält auch heute an. Wie in solchen Fällen üblich, drehen dann auch die genervten Fluggäste durch: Gruppen von ihnen haben zwischenzeitlich die Zufahrt zum Terminal A gesperrt. Tausende anderer, die zum Teil seit 24 Stunden auf ihre Flüge warten, hängen zur Stunde in den Terminals herum und werden vom Flughafenpersonal mit Wasser und Sandwiches versorgt. Die Verursacher des Kollapses, der in diesem Ausmass auf europäischen Flughäfen noch selten vorgekommen sein dürfte, müssen wohl mit einem gerichtlichen Nachspiel rechnen.Ah… fällt mir dabei ein: Sind wir denn nicht in der Semana trágica? In jener letzten Juliwoche, in der 1909 in Barcelona alles aus den Fugen geriet (vgl. auch die Bilder in diesem Eintrag)? Und in der die Nerven eigentlich jedes Jahr zum Zerreissen gespannt sind, in der in dieser Stadt immer irgend etwas Unheilvolles in der Luft zu liegen scheint – und Unheil ja auch dauernd geschieht, wie etwa am Donnerstag, als eine Gruppe Bauarbeiter im Poblenou von einer einstürzenden Stützmauer begraben wurde. Drei Ecuatorianer, ein Pakistani und ein Spanier starben; der Staatsanwalt will, da die im Bau befindliche Mauer fahrlässigerweise nicht abgestützt war, Klage wegen Totschlags erheben. Aber bald ist sie ja überstanden, die Durchdrehwoche.
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