|  2006-10-31  So sah der Hafen von Barcelona vor etwa zehn Jahren aus. Unten eine Ansicht der gemäss dem Plan Metropolitano vorgesehenen Erweiterung. Die grossen Aufschüttungen für den Industriehafen (links) sind noch Zukunftsmusik. Immerhin ist die dazu nötige Umleitung der Mündung des Río Llobregat jetzt Wirklichkeit. Bereits gebaut ist auch die Nova Bocana, die die Ausfahrt der kleineren Schiffe aus dem Alten Hafen wesentlich verkürzt, sowie die Klappbrücke auf den dadurch unterbrochenen Hafendamm.
Eine schematische Ansicht der Hafenerweiterung ist hier zu sehen, der ganze Plan Metropolitano hier, eine andere Ansicht der barcelonesischen Grossprojekte hier (weiss ausgezeichnet darin die Nova Bocana, um die es in diesem Beitrag geht). Verlinkt sei weiter auf einen instruktiven Text des Architekten Hans Geilinger über die Geschichte und die Zukunft des Hafens sowie auf diesen Eintrag über den Entwurf von Ricardo Bofill für die neue Hafenausfahrt. Anders als dort von mir behauptet, ist laut Geilinger das allerletzte Wort über Bofills beelendendes Projekt allerdings noch nicht gesprochen.
Der in Barcelona ansässige Zürcher Architekt und Hochschullehrer hat freilich allen Grund zur Skepsis, leitete er doch in den letzten Jahren ein Austauschprojekt zwischen der Hochschule für Technik Zürich (HSZ-T) und der Architekturfakultät La Salle in Barcelona, das eben eine sinnvolle Nutzung dieses Grundstücks – Endpunkt und zentraler Ort zugleich – zum Inhalt hatte. Das Ergebnis ist nun in einer Ausstellung an der Hochschule La Salle zu sehen (Quatre Camins, 30). Gleichzeitig ist eine Dokumentation dazu erschienen, zu bestellen bei geilinger@hsz-t.ch, T/F (+41) 43 268 25 37.
Hier noch ein Blick auf einige Entwürfe der teilnehmenden Studenten. Andreas Hersche hat entlang dem äusseren Hafendamm den oben zu sehenden Buena Vista Social Club projektiert – Näheres dazu hier.
 Adriana Laines Vorschlag für die Nordwestkante des zur Nova Bocana gehörenden Hafenbeckens baut auf der Ästhetik von Schiffscontainern auf, die zu spannenden Innen- und Aussenräumen gefügt werden.
 Raphael Roll stellt dem rechtwinklig strukturierten Keil der Barceloneta einen zweiten Keil gegenüber, der die engmaschige Unregelmässigkeit der Altstadt evoziert – hier seine Planstudien.
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 Die Nordsee an den Moll de Pescadors scheinen Marc Schulz, Sven Strässle und Livio Weber mit diesem von den Dozenten Prof. Hans Geilinger und Ruedi Moder begleiteten Projekt verpflanzen zu wollen.
Und Raul Mera schlägt einen hochverdichteten multifunktionalen Gebäudekomplex vor – Näheres dazu hier –, der zum Meer hin schroff abfällt, um diese dramatische Begegnung von Land und Wasser heraufzubeschwören:
 2006-10-28 In die Hauptstadt also bin ich geflogen, vom barcelonesischen Martinisömmerchen in den frischen Madrider Regen, um dann mit Barça direkt in die Traufe bzw. ins InfernoI zu geraten.
Und warum bitte schön fuhr ich nicht mit dem Zug? Hätte die Hochgeschwindigkeitsstrecke Madrid-Barcelona nicht schon 2004 in Betrieb genommen werden sollen? Damals reichte sie aber gerade mal bis Zaragoza, demnächst soll sie Tarragona erreichen. Am letzten Teilstück bis Barcelona wird fiebrig gearbeitet. So überstürzt sogar, dass durch die Bauarbeiten seit Wochen der Nahverkehr behindert wird und Bahnpendler täglich mit Verspätungen, wenn nicht Ausfällen ihrer Züge rechnen müssen. Ihre Klagen füllen seit Wochen die Leserbriefspalten.
Betroffen ist auch die Linie zum Flughafen, denn der gordische Knoten liegt im Llobregat-Korridor und in El Prat, dem «Flughafendorf» also. Die Züge fahren theoretisch alle 30 Minuten bei mir um die Ecke ab, an der Estación de Francia. Zweimal nacheinander habe ich dort nun vergeblich auf den Zug zum Flug gewartet. Information durch RENFE gleich null. Es blieb einem nichts anderes übrig, als in letzter Minute auf ein Taxi zu springen. Am Bahnhof Sants soll immerhin ein Bus-Ersatzdienst angeboten worden sein.
Vom Hochgeschwindigkeitszug, der in Spanien AVE heisst (Alta Velocidad Española), wird hier noch öfter die Rede sein. Die Debatten um die Linienführung in und um Barcelona sind immer noch nicht verklungen. Die Stadt hätte eine Einfahrt via Flughafen vorgezogen, um – technisch aufwendig – unter dem Alten Hafen hindurch die Estación de Francia anzupeilen, und von dort auf der bestehenden Trasse (nun aber in europäischer Spurbreite) den künftigen Bahnhof Sagrera. Das Madrider Ministerium zog eine Variante vor, die den Flughafen schneidet: dieser wird lediglich durch einen Shuttle-Service bedient, von einem eher absurd anmutenden Vorstadtbahnhof in El Prat aus (wieviele Züge werden dort halten?) In circa einem Jahr soll der AVE den zurzeit im Umbau befindlichen Bahnhof Sants erreichen, und wenn die angestrebte Höchstgeschwindigkeit von 350 Stundenkilometern erreicht wird, wäre man von Sants aus dann in etwas über zwei Stunden in Madrid.
Heftig gebaut wird auch schon an der Fortsetzung der Strecke bis zur französischen Grenze. Eines der umstrittensten Teilstücke ist eben der neue, Barcelona durchquerende Tunnel zwischen Sants und der Sagrera. Parallel zur bereits bestehenden Trasse unter der Calle Aragón (die erst nachträglich überdeckt wurde) soll er unter den Strassen Provença und Mallorca hindurch zum künftigen zweiten Hauptbahnhof (neben Sants) führen.
Leider eignet sich der Boden in Barcelona aber ganz und gar nicht dazu, dauernd durchlöchert zu werden, und so zittern nun unter anderem die Erbauer der Sagrada Familia vor diesem neuen Tunnelbau in unmittelbarer Näher ihrer Tempelfundamente. Ziehen sie zurzeit doch gerade die 120 Meter hohen Türme der Hauptfassade an der Calle Mallorca hoch, die auf etwa sechzig bis in 16 Meter Tiefe – praktisch der Grundwasserspiegel – reichenden Stahlbeton-Pilotis ruhen.
Ungleich besser sind die geologischen Bedingungen für Tunnelbauten in Madrid, was denn auch zu einer wahren Tunnelmanie in der Hauptstadt geführt hat. Mehr über Madrid im vorherigen Eintrag.
 Fabelhaft, aus dem Flugzeug gesehen, wie die AVE-Trasse in weitem Bogen aus dem Hinterland nach Tarragona hinunter sich schwingt. Noch imposanter dann die neue Skyline Madrids. Später, als endlich die Sonne durchbrach, an der Plaza del Sol dieses Bild:
An Spaniens Km 0 entsteht ein weiterer grosser U- und S-Bahn-Knoten – überflüssigerweise, meinen einige, denn Madrids öffentliches Nahverkehrsnetz ist mit solchen unterirdischen Bahnhöfen schon reichlich gespickt. Das Baulos erstreckt sich auch auf die umliegenden Strassen. Über der für ihren Strassenstrich berühmten Calle Montera (unten links im Bild) schwebt nun drohlich ein enormes Zementsilo. Wie hier unlängst erwähnt, hat der katalanische Künstler Antoni Abad die Montera-Mädels technologisch so ausgerüstet, dass sie im Netz über ihre Lebensumstände berichten können. Ob sie auch die Endzeitstimmung in ihrem Revier schon eingefangen haben? Hier nochmals der betreffende Link.
Auch die klassische Calle Arenal wird gerade zur Fussgängerzone umgestaltet, mit einer rosa und grauen Kitschpflästerung, typisch für Madrids Strassengestaltung, wie man aus barcelonesischer Sicht hämisch anmerken kann.
Ich machte mich dann auf, einige möglichst erlesene Ausstellungen zu besuchen. Die spanischen Stillleben im Prado waren leider noch nicht eröffnet. Im Círculo de Bellas Artes: Henri Michaux, der einen immer so schön schwindlig spielt; und in den Vitrinen zahlreiche Originalbriefe. Von dem ewigen Jean Arp, gleichenorts, interessierte mich nur ein seltsames Blatt mit Photoübermalungen. Dann wollte ich in der Real Academia de San Fernando ein paar Goya-Postkarten kaufen – das wunderbare Villanueva-Portrait, das Selbstportrait vor der Staffelei und das Irrenhaus –, aber der uralte Kartenständer beim Eingang war durch einen enormen, dort zwischengeparkten Gipsabguss verstellt. Ich drängte mich trotzdem vorbei, wurde jedoch von der Dame im Kassenhäuschen zurückgepfiffen, was zu einer überaus charmanten Diskussion führte. Ah, so mochte ich mein Madrid wieder!
In der Galerie Helga de Alvear suchte ich bei den oben rechts zu sehenden Malereien von Katharina Grosse vor dem Regen Zuflucht.
Dann in den Botanischen Garten, in dem die Hinweisschilder auf die Ausstellung On-Site ein wenig aufsässig wirkten. Sie findet im Villanueva-Pavillon statt, und der ist von den Ausstellungsarchitekten seinerseits äusserlich verunstaltet worden. Diese Schau zeitgenössischer spanischer Architektur war zuvor in New York zu sehen gewesen; Terence Rileys gab damit seine Abschiedsvorstellung als Leiter der MoMA-Architekturabteilung. Verständlicherweise wurde dadurch das spanische Ehrgefühl gehoben; ebenso verständlich sind mir nun aber auch die teils harschen Kritiken.
Trivialer kann man die spanische Baugegenwart kaum darstellen: als Ansammlung architektonischer Konsumobjekte. Es sind ein paar Dutzend Projekte in- wie ausländischer Starentwerfer, teils fertiggebaut, teils erst geplant, zusammengelesen auf der Kuhhaut Spanien (wenn ich die piel de toro, mit der der Umriss des Landes gern verglichen wird, mal so nennen darf). Keinerlei historische Vertiefung, nicht die Spur eines Versuchs, Zusammenhänge zu erklären. Ein Bestiarium von Prestigebauten, vorgeführt ausschliesslich anhand von Modellen sowie auf leuchtenden Grossaufnahmen; ein Minimum an Zusatzinformation gibt’s auf Bildschirmen. Unten links ein Modell von Morphosis für eine Wohnüberbauung im Madrider Aussenbezirk Carabanchel.
Anscheinend übernahm die Comunidad de Madrid die Ausstellung hauptsächlich, um sich in zahlreichen Nebenveranstaltungen noch ein bisschen mit eigenen architektonischen Lorbeeren zu schmücken bzw. Heldenstücken zu brüsten. Weiterführende Informationen sind jedoch weder auf der Website der Stadt noch jener der Comunidad zu finden.
Zuletzt noch ein Blick auf die Baufortschritte des dem Botanischen Garten gegenüberliegenden CaixaForum von Herzog & de Meuron: aha, Corten-Quadrate über den kompakten Ziegelmauern des alten Kraftwerks. Das Erdgeschoss ist jetzt schon als künftiges, offenes Foyer zu erkennen.
 2006-10-25  Barcelonas Turmbauprojekte sind so zahlreich wie die Madrids – vgl. den letzten Eintrag –, aber durchschnittlich nur halb so hoch: sei’s aus Vernunft, aus provinzieller Bescheidenheit oder wegen mangelnder Finanzkraft. Von allem ein bisschen wohl. Jedenfalls sind sie weniger brockig. Das gilt auch für den jüngst präsentierten Entwurf von Enric Massip für Telefónica de España am meerseitigen Ende der Diagonal, zwischen Herzog & de Meurons Edificio Forum und Zaha Hadids künftigem Spiralling Tower. Das Building nennt sich Diagonal 00, dem Standort und der internationalen Telephonvorwahl entsprechend. Der 1960 in Barcelona geborene Massip hatte auf demselben Grundstück zuvor ein gleichfalls 110 Meter hohes Hotel geplant. Dass nun eine Telephongesellschaft hier ihren barcelonesischen Hauptsitz errichtet, dürfte auch dem 22@ neuen Auftrieb geben: unter diesem Namen soll das alte Industrieviertel Poblenou zum Technologiebezirk gepusht werden, bisher mit mässigem Erfolg.
Hier noch zwei Aufnahmen des bisherigen Telefónica-Buildings an der Avenida de Roma, zumindest auch ein eigenwilliger Bau.

Nur aus der Ferne gesichtet, auf der Fahrt vom Terminal 4 in die Stadt: die neue Madrider Skyline von der Plaza de Castilla nordwärts. Links die einst nach dem kuwaitischen Investor als KIO-Towers bekannten schiefen Zwillinge, einer der letzten und schlechtesten Entwürfe von Philip Johnson.
 Rechts, jetzt schon wesentlich höher, die im Bau befindlichen Wolkenkratzer auf dem einstigen Trainingsgelände von Real Madrid. Aus dem Erlös für dieses Grundstück konnte sich der Club dann u.a. seine galaktischen Spieler Figo, Ronaldo, Zidane, Beckham usw. leisten. Hier entstehen vier etwa 220 Meter hohe Türme, u.a. von Cesar Pelli und Norman Foster. Den Koloss rechts glaube ich als die Torre Espacio zu identifizieren, die aus der Küche Pei Cobb Freed & Partners stammt; ausführender Architekt ist der Spanier José Bruguera. Anfang September brach im 43. Geschoss ein Feuer aus, das die solche Höhen nicht gewohnten Madrider Feuerwehrleute offenbar arg ins Schwitzen brachte. 2006-10-21  Was ist nun das wieder für eine Phalanx von Baumaschinen, die da am Anfang meiner Strasse aufgefahren ist? Ein Schild belehrt, der Paseo de Picasso werde endlich auch mit schallschluckendem Asphalt ausgestattet, im Zug der seit längerem im Gang befindlichen, gehörfreundlichen Neuasphaltierung aller grösseren Verkehrsachsen der Stadt. Das Aufreissen des alten Asphalts gestaltet sich freilich zunächst wieder mal extra geräuschvoll. Und weil ein Lärm nie allein kommt, werden gleichzeitig noch die Platanen gestutzt (zum Glück, sonst sehen wir bald nur noch grün).
Etwas weiter oben ist seit Wochen eines der interessantesten öffentlichen Kunstwerke Barcelonas hinter einer Bauabschrankung verschwunden. Es handelt sich um die «Hommage an Picasso», die Tàpies nach der Umbenennung und Neugestaltung dieser Strasse um 1980 hier in deren Flucht gestellt hat, entschiedener aber noch in die perpendikulär dazu verlaufende Achse zwischen dem Umbracle und dem Mercat del Born (vgl. diese Baustelle betr. Fontseré).
Ich lehnte mich über den Bauzaun und erblickte, was mir des Herbstlaubes wegen von meinen Wohnungsfenstern aus bisher verborgen geblieben war:
 Tàpies hat hier die Durchbrochenheit der beiden Fontseré-Architekturen aus dem späten 19. Jahrhundert sehr klug aufgenommen: mit einem gleichfalls halbtransparenten, nämlich dauernd von Wasser überflossenen Glasquader. Interessant ist auch, wie er ihn gefüllt hat: wiederum mit Eisengestänge, das mit dem Cerdà'schen?) Lot herumspielt. Um dieses gruppieren sich einige rätselhaft anmutende Möbelstücke. Sind das nicht wohl Reminiszenzen an Barcelonas Bordellausstattungen um 1900, wie sie Picasso bestens vertraut waren? Und von denen sich wiederum der Sprung zu seinen Demoiselles d’Avignon anbietet, die ihren Namen ja den Freudenhäusern in Barcelonas gleichnamiger Strasse verdanken?
 In Kürze wird Tàpies’ Hommage an Picasso, deren Unterhalt von Anfang an prekär war – zerschlagene Scheiben, oft kein Tropfen Wasser, usw. – also wieder in neuem Glanz, vielmehr Schimmer erstanden sein.
2006-10-19
Neben dem Premio Mies van der Rohe ist der wichtigste in Barcelona ausgelobte Architekturpreis zweifellos der FAD, verliehen vom Foment de les Arts Decoratives für Bauten auf der ganzen iberischen Halbinsel. Im vergangenen Jahr war Souto de Moura für sein Stadion in Braga der Gewinner. Ganz und gar nicht überraschend geht die Auszeichnung dieses Jahr an Josep Llinás für seine Bibliothek an der Plaça Lesseps in Barcelona. Näheres dazu in diesem Beitrag. - Zu Llinás' sehr heterogener «Ahnenreihe», d.h. seinen Vorbildern und Meistern, gehört übrigens neben Coderch und Alejandro de la Sota auch Josep Jujol, dessen Teatro Metropol in Tarragona er renoviert hat (vgl. den vorletzten Eintrag).
Für ephimere Interventionen wurde der Künstler Antoni Abad ausgezeichnet, der für sein Projekt Canal Accesible bereits den in Linz verliehenen Prix Ars Electronica eingeheimst hat. Hier die überaus lohnende Website. Abad stattete verschiedene Kollektive (Taxifahrer in Mexiko, Prostituierte in Madrid, Behinderte in Barcelona) mit Multimedia-Handies aus, damit sie in Bild und Wort ihre spezifischen Erfahrungen ins Netz stellen können.
Der Preis für Intérieurs ging ex aequo an RCR Aranda Pigem Vilalta für die hier kurz vorgestellten Hotelpavillons in Olot und an Alfredo Arribas für die Ermengildo-Zegna-Headquarters in der Vorstadt Sant Quirze, zu sehen auf seiner Website. 2006-10-18 Ich habe nur die letzte halbe Stunde des Spiels gesehen, bei dem Mazedonier um die Ecke, dem mit der schwummrigen Grossleinwand. Ein bisschen niedrig aufgelöst sah auch Barça aus. Ronaldinhos Abend war es jedenfalls nicht. Wir vermissen natürlich den verletzten Eto’o, der frühestens im Februar wieder fit sein wird. Solange ist Gudjohnson die nominelle Sturmspitze. Einen Isländer im Team zu haben, ist zweifellos chic; aber wohl doch eher auf der Ersatzbank. Da fällt mir ein, dass es jetzt eine isländische Bäckerei geben soll, an der Calle Doctor Dou: muss ich unbedingt mal ausprobieren. Obwohl man in Barcelona längst auch anderswo gutes Brot kriegen kann, sehr im Unterschied zu früher. Auch Barça wird sicher weiterhin seine Brötchen backen. In der Liga liegt’s ja schon wieder vorn, und wenn nächsten Sonntag in Madrid nichts schiefgeht, könnte der Abstand zu den Capellanen auf neun Punkte anwachsen.
2006-10-17 
Man steigt am Paralelo in den 157er und ist in knapp 40 Minuten in Sant Joan Despí. Halbwegs zwischen den proletarischen Blockschaften von Cornellà und den bergan sich verkrümelnden feineren Suburbias, ist Sant Joan die aufregendste aller Vorstädte nicht. Oder gerade doch? Denn hier hat jener Architekt, der den Modernisme und der Gaudí auf die seltsamste Weise fortsetzte, seine Spuren hinterlassen: Josep María Jujol (1879-1949). Auf eine Million Besucher der Gaudí-Häuser kommt ungefähr ein Jujol-Schaulustiger. Man hat ihn also ganz für sich in Sant Joan, wo nicht weniger als acht seiner Bauten stehen; die Casa del Ous (hier links im Bild) gleich beim Bahnhof (schnellere Anfahrt als mit dem Bus). Rechts die Villa Elena seines Zeitgenossen Mas i Morell, weitere Bilder von unserem Sonntagsausflug in dieser Galerie, nähere Informationen auf dieser Site.
Es handelt sich um Privathäuser, meist einstige Sommerresidenzen reicher Barcelonesen, aber auch Jujols eigenes Atelierhaus. Sie sind daher nicht zugänglich, mit Ausnahme von Can Negre, einer von Jujol spektakulär umgebauten Masía, die von der Stadt als Kulturzentrum genutzt wird. Geschlossen war leider die von Jujol ornamentierte Kirche Sant Joan Baptista. Schön ist es trotzdem, durch Sant Joan Despí zu spazieren und für die Rückfahrt die neue Strassenbahn zu nehmen, Trambaix genannt, die die Diagonale bis zur Plaza Francesc Macià nimmt. 2006-10-16  Man heisst es das Schandloch, el forat de la vergonya. In den vergangenen Jahren ist es von den Anwohnern in den SELBSTVERWALTETEN PARK DES SCHANDLOCHS – so die Inschrift auf dem hier zu sehenden «Denkmal» – verwandelt worden: Tomatenstauden und aus Sperrgut gezimmertes Mobiliar, ein Fussball- und ein Basketballplatz.
Die Schande, die gemeint ist, ist die der Stadtplaner, die vor zehn Jahren im Altstadtviertel jenseits des Mercat de la Santa Caterina nachgerade tabula rasa zu machen gewillt schienen. Als der Widerstand wuchs, beauftragten sie den im Viertel wohnhaften Enric Miralles mit dem Masterplan. Winkelreiche und fast zu schmucke neue Wohnhäuser verschiedener Architekten säumen inzwischen die Achse bis zum nach wie vor klaffenden forat. Links Ansichten aus dem Jahr 2003, rechts der heutige Zustand:
Blick zurück (links) und voraus zum unteren Ende des forat de la vergonya, wo die Immigrantenkids Basketball spielen, vor einem neuen Wohnbau von Garcés & Soria:
Muss das Spielfeld nun verschwinden, bloss weil der Hauseingang recht elegant geraten ist?
 Offenbar definitiv gekippt worden ist das ursprünglich hier geplante Parkhaus «zu Diensten der Kulturtouristen, die der bereits tunlichst desinfizierten Gegend um das Museu Picasso und den Born zustreben», wie es der Stadtanthropologe Manuel Delgado in diesem Artikel formuliert. Anfang Oktober ist es dennoch erneut zur Konfrontation gekommen, als Teile des selbstverwalteten Parks aufgerissen wurden, um das Terrain für dessen amtlich abgesegnetes Styling vorzubereiten.
Die Lokalpresse hat über die Hintergründe einmal mehr auffällig dürftig informiert. Schlagzeilen machten bloss die Ausschreitungen jener Krawallmacher, denen ohnehin jeder Anlass willkommen ist, um sich in Szene zu setzen. Ihre Zahl wird auf 250 beziffert, und zu ihrem Arsenal gehören mittlerweile selbstgebastelte Raketenwerfer. Der Aufruhr ging einher mit Demonstrationen gegen die trotz oder wegen des Immobilienbooms immer akutere Wohnungsnot junger Spanier – Näheres zu dieser Agitation hier. Dieses freilich nicht zufällige Aufflackern von Widerstand gegen die ungehemmte Spekulation veranlasste das spanische Innenministerium, das für das vergangene Wochenende in Barcelona einberufene Gipfeltreffen der EU-Wohnbau-Minister abzusagen bzw. zu verschieben – entgegen der Ansicht des neuen Bürgermeisters Hereu.
Eine sehr merkwürdige Entscheidung: als wäre Barcelona nicht imstande, die Sicherheit der Konferenzteilnehmer gegen eine Schar Möchtegern-Stadtguerrilleros zu garantieren. Als erkläre sich der Staat selbst zum hilflosen Opfer einer Erpressung durch ein paar Lümmel – und dabei hatten die noch nicht einmal angekündigt, wieder Stunk machen zu wollen! So wird das fundamentale demokratische Recht auf Protest präventiv unterlaufen, und zugleich weicht man der Debatte um die Wohnungsfrage einmal mehr aus. Oder hatten die Wohnbau-Minister sich gar nichts zu sagen, weil die Baulobby als Wirtschaftsmotor nun einmal tabu ist, fragte ein Leserbriefschreiber? (Vgl. auch den vorhergehenden Eintrag. Irgend einmal wird Grundsätzlicheres zu diesem Thema folgen. Hier schon mal der unredigierte Text meiner im Sommer in der NZZ erschienenen Reportage über den Fall Marbella sowie drei Bilder aus der Gegend, die die Briten schlicht the Costa nennen.)
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