|  2006-09-27
Sag’s weiter: Die Verfassung muss umgewidmet werden, damit die Thronnachfolge als Bauzone ausgewiesen wird.
Die spanische Baubranche ist so mächtig geworden, dass sie in den letzten Tagen in das Übernahmegerangel um die spanischen Energiekonzerne eingegriffen hat. Man könnte es auch etwas unfeiner sagen: Die Bauhaie haben sich bei der Zubetonierung Spaniens, angetrieben durch Ströme von ihnen entrichteter Schmiergelder, inzwischen so dumm und dämlich verdient, dass sie mit diesem Geld nun um den Besitz der grossen Energieunternehmen des Landes mitpokern.
Gestern hat Acciona (Nummer 4 unter Spaniens Bauunternehmen) überraschend 10 Prozent der Aktien des Elektrizitäts-, Gas- und Wasserkonzerns Endesa erworben und eine Erhöung des Anteils auf 24,9 Prozent angekündigt. Eine noch grössere Tranche würde ein förmliches Übernahmeangebot erforderlich machen, wie es zuvor der katalanische Erdgaskonzern Gas Natural, später der deutsche Energieriese Eon unterbreitet hatten. Eon reagierte sofort mit einer Erhöhung seines Angebots von 25 auf 35 Euro pro Aktie, deren Börsenwert binnen Stunden annähernd in diese Höhe kletterte. Sollte Eon das Rennen machen, wird für Acciona immerhin ein satter Gewinn herausschauen.
Fast gleichzeitig stieg ein anderer spanischer Baugigant, die vom einstigen Real-Madrid-Präsidenten Florentino Pérez geleitete ACS (Nummer 1 in Spanien, Nummer 2 in Europa), beim baskischen Energieunternehmen Iberdrola ein. ACS ist bereits an der galicischen Unión Fenosa beteiligt, dem kleinsten der spanischen Energiekonzerne. Die Tageszeitung La Vanguardia hat denn auch den «elektrischen Ziegelstein» ausgerufen. 2006-09-23
Richard Hamilton 1975 in Cadaqués vor seinem Richard-Schild, Lanfranco Bombelli 2006 im Macba vor demselben Stück aus seiner Sammlung.
Wer Costa Brava sagt, muss auch Cadaqués sagen; aber nicht unbedingt Dalí. Dabei war es natürlich Dalí, der den Ort legendär gemacht hat. Nicht sosehr weil seine Bilder unter dem Einfluss dieser zugleich weichen und scharf konturierten Landschaft entstanden sind, den von der Tramontana leergefegten Gesteinsformationen am Cap de Creus. Vor allem war Cadaqués (wo Dalí schon vor dem Krieg lebte, um sich 1948 im benachbarten Port Lligat niederzulassen) Schauplatz vieler der von ihm so meisterlich inszenierten Eklats, die ihn zum ersten massenmedientauglichen Künstler überhaupt machten: der grosse Histrion, umgeben von andern Promis wie den Dichtern Lorca und Éluard, Gala natürlich und Amanda Lear.
Weniger bekannt ist, dass Cadaqués von einer ganzen Reihe anderer Künstler frequentiert wurde: Picasso und Man Ray zunächst, später John Cage, Richard Hamilton, Dieter Roth, Marcel Broodthaers und vor allem Marcel Duchamp, der seit den frühen 50er Jahren bis zu seinem Tod 1968 jedes Jahr die drei Sommermonate hier verbrachte. Er war es auch, der vermutlich die zuvor Genannten in Cadaqués einführte. Nicht zu vergessen, dass Duchamp, der sich die Zeit an der Costa Brava scheinbar nur mit Schachspielen vertrieb, hier sein letztes Hauptwerk Étant donnés austüftelte...
Kurz nach 1960 liessen sich auch zwei junge Architekten, Lanfranco Bombelli (italienisch-schweizerischer Abstammung, ETH-Absolvent) und sein Partner Peter Harnden hier nieder. Ihr Werk ist weitgehend unbeachtet geblieben. Dabei gehören die von ihnen in und um Cadaqués gebauten Villen – etwa die Casa Fasquelle gleich gegenüber Dalís Haus in Port Lligat – zum Fabelhaftesten, was es an der Küste gibt. (2002 erschien zu einer Ausstellung in Girona im Verlag des COAC Barcelona endlich eine Monographie, El Cadaqués de Peter Harnden i Lanfranco Bombelli, die ich leider nicht zur Hand habe. Im Internet findet sich praktisch keine Information. Dank meinem Freund Xavi Blanquer kann ich aber hier auf einige von ihm angefertigte 360°-Panoramen verlinken – die Casa Fasquelle, eine Attikawohnung über Bombellis Galerie und die Villa Gloria –, die im Netz nicht mehr zugänglich sind.)
Bombellis Partner Harnden starb schon 1973. Noch im selben Jahr eröffnete Bombelli, der sich selbst auch als Maler versuchte – in dieser Disziplin (sein ETH-Background?) ganz der konkreten Kunst verschrieben –, die Galeria Cadaqués. Natürlich war er in dem für die Happy Few wie geschaffenen Kaff bald schon auch mit dem Duchamp-Kreis in Kontakt gekommen. So wurde die Galerie, obwohl nur stunden- bzw. saisonweise geöffnet, zu einer im damaligen Spanien einzigartigen Institution, die Hamilton und Roth ausstellte, aber auch Max Bill oder experimentierfreudige Katalanen wie Muntadas und Miralda.
Nun hat der Kurator Roland Groenenboom für das Museu d’Art Contemporani de Barcelona (Macba) unter dem Titel galería cadaqués eine Auswahl aus der Sammlung Bombelli zusammengestellt. Sie nimmt lediglich einen Saal des Museums ein; die Formate sind klein, viel Interessantes liegt in Vitrinen. Bei der Pressekonferenz wurde angedeutet, die Sammlung werde eventuell als Leihgabe ans Macba übergehen.
Sie würde bestens in dessen Bestände passen. Das zeigte die gleichzeitig eröffnete Präsentation der jüngsten Akquisitionen der Stiftung Macba. Ich habe mir flüchtig nur noch eines der beiden Geschosse angesehen, auf denen sie zusammen mit ausgewählten älteren Beständen einmal mehr aufzeigen, welche Linie das Museum unter der Leitung von Manuel Borja-Villel verfolgt. Schlüsselfiguren sind für ihn Broodthaers, Dieter Roth... und nicht nur, weil sie gern in Cadaqués sömmerten. Unter den neuen Werken stechen hervor: Eugènia Balcells, George Brecht (dessen Werküberblick im Erdgeschoss noch bis am 12. Oktober zu sehen ist), stanley brouwn (kürzlich in einer gleichfalls von Roland Groenenboom kuratierten Ausstellung im Macba zu sehen), James Coleman, und immer wieder Öyvind Fahlström. Zudem hat Cragie Horsfield vierzehn seiner 1996 im Auftrag der (damals von Borja-Villel geleiteten) Fundació Tàpies entstandenen Barceloneser Portraits als Depositum dem Macba überlassen. (Im Bild eines der Pictures For Bipeds, auf denen Roth und Hamilton sich gegenseitig porträtierten.)
An der Pressekonferenz sass der greise Bombelli neben dem Unternehmer Leopoldo Rodés, der die Stiftung Macba umsichtig leitet. In der Mitte aber, und auf ihn waren von Anfang an alle Mikrophone gerichtet, sass Kataloniens conseller de cultura, sprich Kulturminister, Ferrán Mascarell. Diese blitzblanke Figur hat mir auf einmal – ich sehe sonst nicht viele Politiker – das Wesen seines Métiers offenbart. In dem kleinen Saal wurde ohne Lautsprecherverstärkung gesprochen. Man verstand trotzdem alle einigermassen – bis auf Mascarell, der ausschliesslich in die vor ihm aufgebauten Mikrophone nuschelte und für die drei oder vier TV-Kameras geistvolle Blicke über die Tischfläche schweifen liess. Dieser Herr ist offensichtlich in einer andern Welt zu Hause: Man musste jederzeit befürchten, er löse sich gleich in Pixel auf; und dass er nach jeder seiner Interventionen sofort seinen Stuhl ein wenig nach hinten rückte, als möchte er gleich aufbrechen – nun, da seine Sendezeit vorüber war –, erschien wie ein Ausbruchsversuch in die dreidimensionale Wirklichkeit, in der man ihn sich gar nicht vorstellen kann. Ich erzähle das nur, weil ich noch nie leibhaftig ein Individuum gesehen habe, das diesen Grad an medialer Abgehobenheit erreicht hat wie der katalanische Kulturminister.
 Mascarell (welch trefflicher Name: das Mäskchen?) hätte sich übrigens gar nicht ins Macba bemüht, wäre es bloss um die Sammlung Bombelli oder die Neupräsentation jener des Museums gegangen. Er weihte jedoch zugleich die erste Erweiterung des Museums ein: die Capilla dels Angels, eine schräg gegenüber dem Richard-Meier-Bau liegende Kirche. Die Architekten Clotet-Paricio haben den (schon lange nicht mehr als solchen benützten) Kirchenraum mit spärlichen Eingriffen in einen Ausstellungsraum verwandelt. Im Bild ein kleines Seitenschiff mit Helen Levitts frühem (1952) Asphalt-Documentary In the Street, East Harlem. 2006-09-22
Ich möchte mich nicht um meine wenigen Leser bringen, aber wer regelmässig alles Mögliche über Barcelona erfahren möchte, in englischer Sprache, mit Witz und teils ein wenig gar salopp aufgetragen, aus der Sicht von Zugewanderten, der lese BCN Week, die wöchentliche Gratiszeitung, die es seit April oder Mai gibt, und deren Online-Ausgaben (inklusive back issues) als pdf heruntergeladen werden können. Über Urbanismus und Architektur freilich steht da nicht viel drin. 2006-09-20 Gleich neben der Ausstellung der Lausanner Designer in Vinçon, nämlich in Gaudís Pedrera, sind zwei weitere Ausstellungen zu sehen: zum einen eine Retrospektive des unlängst 95jährig verstorbenen Ramón Gaya, der die Salonmalerei, ums mal so zu sagen, durchs ganze 20. Jahrhundert in die anmutigsten Sphären gehoben hat; zum anderen eine kleine Schau, die Arnold Schönbergs Aufenthalt in Barcelona vom Oktober 1931 bis Juni 1932 dokumentiert, wo er eine seiner angeschlagenen Gesundheit zuträgliches Klima zu finden hoffte. Das Winter aber war feucht und kalt; trotzdem vollendete er hier den zweiten Akt von Moses und Aaron.
Gestern war Nuria Schönberg Nono, die damals in Barcelona geborene Tochter des Komponisten und Witwe von Luigi Nono, in der Pedrera zu Gast, um zusammen mit dem Pianisten Stefan Litwin eine Art musikalisch-memoristische Soirée zu bestreiten. Ich habe das leider erst nachträglich aus La Vanguardia erfahren, die den Abend in so liebenswürdig altbackenem Ton schildert, dass man gern dabeigewesen wäre. 2006-09-19  Die Baustelle des Monats aus der Sicht des Automobilisten – die C-32 wird hier täglich von etwa 120'000 Fahrzeugen befahren. An der Plaça de les Glòries werden sie auf den 1992 errichteten Verkehrstambour katapultiert...
 ...und es bietet sich in Richtung Diagonal Mar dieser Ausblick auf die Torre Agbar, noch spektakulärer bei Nacht (mit dem laut Nouvel allzu grell beleuchteten Turm). Der Tambour mit seinen Rampen und seinem kleinen Park im Innern, der zeitweilig einen ziemlich wilden Immigrantenmarkt beherbergte, soll nun übrigens wieder abgerissen werden. Die Neuordnung der Kreuzung der drei barcelonesischen Magistralen Gran Vía, Diagonal und Meridiana scheint den Planern allerdings einiges Kopfzerbrechen zu bereiten. Näheres darüber ein andermal. 2006-09-18  Santa Coloma – s. den vorherigen Eintrag – ist so dicht bebaut wie Barcelona oder Badalona, die beiden Städte, an die es angrenzt. Die Verflechtung der verschiedenen Stadtteile lässt denn auch nichts zu wünschen übrig, ausser zwischen dem alten Kern und dem Barrio Singuerlin. Dem abzuhelfen, ist nun ein Projekt im Bau, das der Portugiese Eduardo Souto de Moura gemeinsam mit den barcelonesischen Architekten Robert und Esteve Terradas (bisherige Hauptwerke: Barcelonas Aquarium und das Wissenschaftsmuseum CosmoCaixa) entworfen hat. Die drei Solitäre – die beiden höheren Wohnbauten, der dritte ein Hotel – sollen das künftige Eingangstor zu der Vorstadt bilden.
Chinesen treten – siehe das Sommerpotpourri – nicht nur als Masseure auf den Plan. Diesen Sommer haben sich auch chinesische Touristen erstmals in rauhen Mengen im Stadtbild bemerkbar gemacht. Und dann natürlich die Immigranten. In ganz Spanien sollen es rund 100'000 sein, konzentriert auf die drei Orte Madrid, Barcelona und die barcelonesische Vorstadt Santa Coloma de Gramanet. Letztere gilt als Spaniens eigentliche Chinatown. Ich habe mich heute dort umgesehen. Endstation der Metrolinie 1, die den trefflichen Namen Fondo trägt. Ein liebenswürdiger Ort. Fein hergerichtete Strassen, Plätze, Pärke – eben das, was den unlängst besuchten neapolitanischen Vorstädten so bitterlich fehlt. Und in diesem Quartier nun also auf einmal ein chinesischer Bevölkerungsanteil, der, den Passanten wie den Geschäften nach zu schliessen, mindestens ein Viertel beträgt. Natürlich gibt es auch andere Immigranten, so dass man – vergleiche die Bilder – chinesische Jungs beim Verspeisen von Kebabs und junge Chinesinnen vor arabischen Phone Centers sieht (die hier Locutorios heissen und deren es in Barcelona mittlerweile einige Hundert, wenn nicht Tausende geben muss).
Santa Coloma. Bevölkerungszahl 1960: 32'590. 1977: 143'232. 2001: 116'220. Seither durch die Immigration wieder zunehmend. Sieht alles fast zu idyllisch aus hier; zumindest sind die Konflikte, die eine so rapide Immigration in der Nachbarschaft zweifellos auslöst, bisher unter der Schwelle geblieben, die sie für die Medien interessant macht. Auch die bislang ansässige Bevölkerung setzt sich ja zum grössten Teil aus Einwanderern zusammen, südspanischen nämlich.
 Zurück ins Stadtzentrum. Die Metrolinie 1 führt direkt zur Station Triumf und mithin in Barcelonas traditionelles Textilviertel um die Ronda San Pedro und die Calle Trafalgar. Es ist binnen weniger Jahre in chinesische Hand übergegangen. Dutzende von En-gros-Handlungen, aus deren Beständen seit Jahrzehnten halb Spanien eingekleidet wurde – gleichsam der Überrest der einst so mächtigen katalanischen Textilindustrie – tragen nun chinesische Namen. Chinesen schieben Stapel von mit Klamotten gefüllten Kartons herum, genauso wie in den seit Jahrzehnten mit chinesischen Konfektionsateliers gefüllten Hinterhöfen des 2ème Arrondissement in Paris.
Zuvor hatten Chinesen in Spanien fast ausschliesslich als Speisewirte gewirkt; etwa 4000 Chinarestaurants soll es in dem Land geben. Auch viele der unzähligen Japanrestaurants, die der Nachfrage entsprechend in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen, werden in Wirklichkeit von Chinesen geführt. Der chinesische Unternehmergeist kommt schon darin zum Ausdruck, dass etwa 15'000, d.h. fast jeder sechste der offiziell gemeldeten Immigranten, als selbständiger Unternehmer fungiert.
Ein Grossteil dieser Immigranten stammt übrigens aus ein und derselben Stadt, Qingtian. Über ein Drittel der Bevölkerung dieses einst 570'000 Einwohner zählenden Küstenorts soll emigriert sein, 45'000 von ihnen nach Spanien. Klar ist, dass es sich um eine straff organisierte, in sich abgekapselte, die Bildung urbaner Legenden geradezu herausfordernde Gemeinschaft handelt.
Dass der spanische Bauboom besonders unersättlich neue Arbeitskräfte absorbiert, konnte dieser Community nicht entgehen. Mittlerweile sind denn auch zahlreiche chinesische Bauarbeiter auf den Baustellen in Barcelonas Vorstädten aufgetaucht. Ich war noch nie in China, bloss im damals (1996) gerade noch britischen Hongkong. Dort habe ich über das Höllentempo, mit dem auf chinesischen Baustellen gearbeitet wird, nicht schlecht gestaunt. Barcelonas murcianische und marokkanische, senegalesische und ukrainische Bauarbeiter werden diese neue Konkurrenz vermutlich bald verfluchen. 2006-09-17  Per Velo unterwegs zur eben beschriebenen Baustelle des Monats kam ich im Poblenou leicht an einem halben Dutzend weiterer Kandidaten für diesen Ehrenplatz vorbei. Das alte Industrieviertel ist ein Chamäleon – man braucht nur einige Wochen nicht hinzugehen und kommt jedesmal aus dem Staunen nicht heraus, welch neue Strassenbilder sich da wieder hinwerfen.
Die Baustelle des Monats Juni, Perraults Hotel Habitat, zeigt sich nun praktisch in voller Höhe. Wenn ich nicht irre, ist die Fabrikhalle rechts zum künftigen Architekturmuseum der Stadt bestimmt.
In weit fortgeschrittenem Stadium befindet sich das Edificio Interface von b720, Teil des enormen Campus Audiovisual, auf den gelegentlich zurückzukommen ist.
 Das von Fermín Vázquez geleitete Studio b720 hat übrigens bei der nahen Torre Agbar mit Jean Nouvel zusammengearbeitet und plant mit David Chipperfield eine weitere zum Campus Audiovisual gehörende Grossüberbauung.
 Nouvel seinerseits sitzt auch nicht auf der faulen Haut. Während man sich an seinen aufsässigen Agbar-Stengel allmählich gewöhnt...
 ...ist zwischen diesem und Perraults Hotelturm der von ihm entworfene Parc Central del Poblenou im Entstehen begriffen. Ein alter Kamin bleibt als Zeuge des Industriezeitalters stehen, der erste Torbogen (oder ist es nur ein 1:1-Modell?) sieht wie links zu sehen aus. – Näheres zur Entwicklung des Poblenou ist aus dieser NZZ-Reportage aus dem Frühsommer 2005 zu erfahren (hier in der vorletzten Version, die Tom-Kummer-Passagen mussten in der gedruckten Fassung wegfallen.)
2006-09-15
 In der Überdachung von Stadtautobahnen hat Barcelona reichlich Erfahrung. Zahlreiche Abschnitte der Ronda Litoral und der Ronda de Dalt, die 1992 zum vollständigen Autobahnring geschlossen wurden, verlaufen entweder unterirdisch oder halb überdeckt. Bemerkenswert ist unter anderem der grosse Verteiler in der dicht bebauten Trinitat, der sich kunstvoll um einen Park schlingt.
Die ältere Ronda del Mig wurde zwischen 1995 und 2002 über drei Kilometer, von der Plaça Cerdà bis zur Diagonal, vollständig überdeckt – ein Segen für die Anwohner, die nun statt an einer Autobahn an einer smart gestalteten Rambla leben.
Natürlich forderten hierauf auch die Anwohner des letzten offen verlaufenden Autobahnteilstücks auf Stadtgebiet Abhilfe, des besonders brutalen nordöstlichen Endes der Gran Vía – oh! wie genoss man als Automobilist einst diese Hardcore-Einfahrt! – heute C-32 genannt, von der Plaça de les Glòries bis zur Rambla Prim. Die Teilüberdeckung ist seit einiger Zeit im Bau, schon Ende September soll die neu (und unterirdisch) durch diese Schneise verkehrende Strassenbahn ihren Betrieb aufnehmen, und so habe ich mir heute einen Eindruck über den Stand der Bauarbeiten verschafft. Im Schnitt gleicht die neue Gran Vía mit den 3,5 Meter über die Fahrbahnen vorkragenden Chausseen für den Lokalverkehr ein wenig der Ronda de Dalt. Oberirdisch lassen diese Deckel beidseits einen 28 Meter breiten, leicht abfallenden Streifen frei, der weitgehend begrünt und mit Spielplätzen, Freitreppen usw. ausgestattet wird. Die zusätzlich montierten Schallschutzwände sollen den Lärmpegel von zuvor 77,5 auf 63,7 dB senken.
Die ersten davon sind bereits zu sehen, knicken sich freundlich über die Verkehrshölle, so wie der rechte Winkel auch bei den neuen Strassenlampen ausgespielt hat. Die Gestaltung des Grünstreifens ist noch im Gange, lässt aber ansehnliche Aussenräume erahnen. Näheres zu dem Projekt – auf katalanisch – in dieser Datei.

Stippvisite in Zürich, danach fünf Tage in Neapel. In Zürich endete der Reigen der schönen Festlichkeiten – gracias, amigos – in der Trübnis einer Alphütte im Niederdorf, wo Lambada getanzt wurde. Gewaltiger aber war der Zeitsturz, der Kulturschock, in Neapel. Zufällig gab dem die Zeitschrift L’Espresso in derselben Woche in Balkenlettern gar reisserisch Ausdruck: NAPOLI PERDUTA. Das Heft war in der Stadt natürlich sofort ausverkauft. Ich konnte später in Rom noch ein Exemplar ergattern; den betreffenden Artikeln war freilich nicht viel mehr zu entnehmen, als dass das Rauben und Morden in Neapel hemmungsloser denn je betrieben wird, dass die Politiker dagegen Investitionen, neue U-Bahn-Linien versprechen, usw.
Ich war seit 1980 nicht mehr in der Stadt gewesen. Damals hatte mich die Wildheit Neapels in eine ebenso wilde Begeisterung versetzt. Diesmal sah ich es leider etwas gelassener. Wir waren im Palazzo Marigniano einquartiert, an jener schmalen, Spaccanapoli genannten Achse, welche die Altstadt vom Fuss des Vomero fast bis zum Bahnhof schnurgerade durchläuft. Ein halbes Stockwerk dieses Palastes wird heute von Nathalie de Saint-Phalle, einer Nichte der Künstlerin, an kunstsinnige Menschen ausgemietet. Vom fünf Meter hohen Salon bis in den letzten Winkel ist dieses Appartement mit Kunstobjekten angefüllt, vielmehr zugestopft. Ich muss gestehen, dass meine Verträglichkeitsgrenze für Kunst dadurch klar überschritten wurde, und dass ich über diese Kunstentfaltung, vielmehr -verstopfung möglichst hinwegsah. Unser Zimmer gehörte genau genommen schon nicht mehr zum Palast: es war einer jener typischen An- und Aufbauten, die aus Neapels Altstadt ein steinernes Palimpsest machen. Von dem Zimmer zweigte ein Korridor ab, der linkerhand die grosse Terrasse auf dem Dach des Nachbarhauses säumt, wo man frühstücken oder den Vollmond betrachten konnte. Seltsamerweise führt dieser Korridor nirgendwohin – bloss zu einem Fenster, das sich rechterhand auf den Innenraum einer kleinen Barockkirche öffnet. Von aussen war dann zu erkennen, dass der Korridor eigentlich eine Galerie im Innern der Kirche selbst ist.
Vor 26 Jahren, bei meinem ersten Besuch, war mir die Regellosigkeit Neapels wie eine Verheissung erschienen: diese respektlose, aller Musealität spottende Nutz- und Niessnehmung des steinernen Erbes. Neapolitanisches Leben: ein Zeitraffer, der ganze Zeitschichten ins Jetzt katapultiert. Seither aber bin ich durch eine andere Schule gegangen, die Barcelonas, und der Vergleich dieser beiden grossen Mittelmeerstädte ist verstörend. Als sei Barcelona das neue Neapel geworden, jenes «von Teufeln bewohnte Paradies», das Neapelreisende einst in der herrlichen Bucht vorfanden. In Neapel – lange Europas drittgrösste Stadt nach London und Paris – wurde im 17. und 18. Jahrhundert ja sozusagen der Städtetourismus erfunden, und zur Grand Tour gehörte das gelegentliche Erschaudern vor fremden Sitten und Lebewelten, genauso wie heutige Stadtkonsumenten auf derlei Kitzel nicht verzichten möchten. Das prekäre Gleichgewicht von Zerfall und Erneuerung aber, das Neapel und Barcelona vor einem Vierteljahrhundert – kurz vor dem verheerenden Erdbeben in Kampanien – noch auf zumindest vergleichbare Manier zu halten schienen, ist heute weder hier noch dort mehr gegeben. Neapel, seither ganz dem Zerfall preisgegeben, derweil sich Barcelona zum urbanen Musterknaben getrimmt hat. Einmal mehr scheint die Geschichte der beiden Städte in entgegengesetzter Richtung zu verlaufen. Zu deren Ironie gehört es nämlich, dass das 15. Jahrhundert unter katalanischer und die beiden folgenden unter spanischer Herrschaft zu den glänzendsten und turbulentesten Neapels zählen, während Barcelonas Niedergang nie ausgeprägter war als eben im 16. und 17. Jahrhundert.
Aufstieg und Niedergang einer Stadt: Hängt die Heftigkeit, mit der man sich veranlasst fühlt, über sie zu schwärmen oder zu meckern, eventuell direkt damit zusammen? Schon jene Bildungsreisenden, die in Postkutschen anreisten, nach glücklicher Durchquerung der Pontinischen Sümpfe und gewöhnlich noch vollgesogen mit den römischen Baudenkmälern, erlebten das wüste Getümmel Neapels als ebenso irritierend wie unwiderstehlich. Da wir heute praktisch denselben Zwiespalt empfinden, wäre zu folgern, eben ihre Unbezähmbarkeit sei die Essenz der Stadt. Jeder Ordnungs- und Zivilisierungsversuch müsste ihr zugleich ihre Reize austreiben. In der Praxis freilich werden die Nerven über das zuträgliche Mass strapaziert. Schon der Taxifahrer, der uns vom Bahnhof zum Palazzo Marignano brachte, war für erste Adrenalinschübe gut. Ein netter, gesprächiger Mensch (im Gegensatz zu vielen andern Neapolitanern, die sich Ausländern gegenüber oft unwirsch oder verstockt zeigen), wies er uns stolz auf den Corso Umberto hin: Neapals Prachtstrasse, deren Trottoirs nur leider jeden Flaneur augenblicklich die Flucht ergreifen lassen. Von hier zweigte er in die engen Gassen Richtung Spaccanapoli ab, durch Einbahnstrassen in Gegenrichtung mit bestechender Selbstverständlichkeit kurvend. Und schon waren wir da – 10 Euro für die Dreiminutenfahrt, den Taxameter hatte er nicht eingeschaltet.
Taxis ohne Taxameter, Postbüros ohne Briefkästen, Geldautomaten reihenweise ausser Betrieb. Im Museo Archeologico Nazionale die meisten Säle mangels Personal geschlossen. Auf ausdrückliche Nachfrage wird einem eine unleserliche Photokopie in die Hand gedrückt, die einen durch das trostlos verkommene Labyrinth leiten soll; später möchte man noch um einen Staubsauger bitten, um die Flusen wegzupusten, die sich offenbar seit Jahrzehnten in dem prächtigen, aus dem späten 19. Jahrhundert stammenden Modell von Pompeji angesammelt haben. Ist einer solchen Stadt noch zu helfen? Wir einigten uns auf den Namen Troglodyten, wenn wir uns auf ihre Bewohner bezogen. Die verdankten es uns, indem sie jeden Gang durch die Stadt zum Spiessrutenlaufen machten. Durch Neapel gehen heisst, sich bei jedem zweiten Schritt vor einem durch die Fussgängerzone preschenden Motorrad retten. Nur um sich beim nächsten Schritt an einem Auto vorbeizwängen zu müssen, das sich da auf dem Trottoir – oder was immer von der Strasse übrigbleibt – breitgemacht hat. «Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt», hat Duchamp gesagt. Ein Satz, wie geschaffen für Napoli. Und es ist ja auch kein Problem, dass all die stattlichen Höfe all der stattlichen Altstadtpaläste von Autos vollgestellt sind. Aber ein bisschen schade ist es doch.
Es geht also um den Gebrauch bzw. Missbrauch des öffentlichen Raums. Der in Neapel grundsätzlich nicht vom Privatraum unterschieden wird bzw. fliessend in diesen übergeht. Vielmehr: der Privatraum ergiesst sich in den öffentlichen Raum. Diese Sphäre der Durchmischung macht seit jeher Neapels Charme (ein unpassendes Wort: Reiz ist besser) aus. An dieser Schnittstelle brodelt Neapel; oder es schmachtet, vergeht an sich und vergeht sich an sich. Wie die Neapolitaner ihre Parterrewohnungen durch Vordächer, darunter die Wäschleinen gespannt sind, in die schmale Gasse hinaus erweitern; manchmal aber auch durch eigentliche Vorbauten, kleine Gärtchen oder Terrassen: das ist entzückend, aber natürlich ist es auch eine unverschämte, offensichtlich geduldete Usurpation des öffentlichen Raums. Mehr noch gilt dies für all die Marketender (ein treffliches Wort: Neapel ist der permanente Kriegszustand), die mit ihren Ständen den ohnehin knappen Raum in einen Hindernisparcours verwandeln.
Zumal da gar kein Platz ist, um Touristenmassen herumzuschleusen, wird Neapel vorläufig verschont bleiben vom Schicksal, das sich gerade Barcelona willentlich aufgebürdet hat. Und allerdings: für den Städtekonsumenten heutiger Prägung bietet es wenig. Kein Nachtleben; schon abends um zehn alles tot, bis auf ein paar einzelne Knatterer und die drei oder vier Strassencafés an der Piazza Bellini, die es nur dank einer Bürgerbewegung gibt, die darauf beharrte, dieser Platz tauge zu etwas Bessserem denn bloss als Abstellfläche für fahrbare Blechhaufen.
Wir fuhren nach Pompeji, mit einem Zwischenhalt in Oplontis. Keine Air Condition in dem Vorortszug natürlich, der ältesten Bahnlinie Italiens übrigens: der Circumvesuviana (die 1839 für die Bedürfnisse des Tourismus eingerichtet wurde, nicht für die der Neapolitaner). Die Villa Poppaea, benannt nach der Gattin Neros, erst ab 1964 ausgegraben, taucht den Besucher in ein hedonistisches Wohnideal, zu dem es kaum einen krasseren Gegegsatz als seine heutige Umgebung gibt. Torre Annunziata heisst der Ort. Einige der besten Spaghettifabriken des Landes (Setaro) befinden sich hier, auch ein luxuriöses Spa soll es geben, und bei Goethe liest man: «Wir aßen zu Torre dell' Annunziata, zunächst des Meeres tafelnd. Der Tag war höchst schön, die Aussicht nach Castell a Mare und Sorrent nah und köstlich. Die Gesellschaft fühlte sich so recht an ihrem Wohnplatz, einige meinten, es müsse ohne den Anblick des Meers doch gar nicht zu leben sein. Mir ist schon genug, daß ich das Bild in der Seele habe, und mag nun wohl gelegentlich wieder in das Bergland zurüchkehren.»
Goethe müsste aus Torre dell’ Annunziata heute nüchternen Magens wieder abreisen. Nach dem Besuch von Oplontis streunten wir in der Mittagshitze durch den zur typischen neapolitanischen Vorstadt verwucherten Ort, der Hauptstrasse entlang zunächst (wo der Fussgänger zu fortgesetzten Ausweichmanövern auf die vielbefahrene Chaussee gezwungen ist) und hinunter zur Piazza, die sein Zentrum bildet. Doch alles Suchen, alles Fragen, zuletzt bei einem Carabinieri-Paar, das die Aussagen eines (achtung: Zungenbrecher!) Kehlkopfkrebs-Krächzers übersetzte, war vergeblich: es gibt in diesem elenden Häuserhaufen nicht eine Spelunke, wo ein Teller Spaghetti oder auch nur ein belegtes Brötchen zu haben wäre. Man könnte in Torre Annunziata ohne weiteres verdursten, denn auch der einzige öffentliche Brunnen war versiegt.
Das ganze Elend Neapels wurde auf dieser Vorstadtwanderung fassbar. Denn zweifellos ist diese verwahrloste Suburbia, ebenso wie der ruinöse Zustand der Altstadt, das Ergebnis der Preisgabe der Stadt an die Mafia. Wer sonst hätte so lieblos, planlos, erbarmungslos die Küste verschandelt, die einst als die schönste der Welt galt. Ich dachte zurück an Barcelonas ebenso schnell gewachsene Vorstädte, und der Kontrast erschien fast noch krasser als jener zwischen den beiden Stadtzentren. In jeder vergleichbaren barcelonesischen Vorstadt hätte man sich auf demselben Weg in mindestens drei Speiserestaurants und in zwanzig oder dreissig Bars verköstigen können. Breite Trottoirs und modern gestaltete Plätze, wohl auch Pärke, von Menschen belebt, hätten zur Anschauung gebracht, wie Barcelonas Stadtdesign in die Umgebung ausstrahlt. Nichts dergleichen hier: eine einzige urbane Ödnis unter der Silhouette des Vesuvs.
Auch der Corso Umberto, die Via Toledo, die Via Chiaia halten dem Vergleich mit Barcelonas Avenuen nicht stand: verkommene Kommerzschneisen. Ein wenig Stil haben noch die Via Scarlatti auf dem Vomero und die Via Santa Lucia bewahrt – da gibt es sogar zwei oder drei Bars, exotische Einsprengsel in dieser Stadt. «Gäbe es bloss auf jede zehnte Kirche ein Kaffeehaus», seufzte ich einmal. Auf der Terrasse des Palazzo Marigniano machte ich die Bekanntschaft einer franzöischen Opernregisseurin, die sich jetzt in Neapel ansiedeln will – fern des Zentrums auf dem Posillipo. «Da kann man in Ruhe arbeiten. Verliert seine Zeit und sein Geld nicht mit Einkäufen von Modeschabernack, den es in Neapel schlicht nicht gibt.» Gern hätte ich von Juliette, so hiess sie, noch Näheres über ihre Berückung durch die Stadt erfahren. Sie muss damit zusammenhängen, dass zwischen all dem Schrott ja all die zauberhaften Orte weiterexisiteren – die Certosa, San Gregorio Armeno, geheime Buchten... –, die Gebildete seit Jahrhunderten fast so abheben lassen, wie es der Cristo velato in der Cappella Sansevero vor unsern ungläubigen Augen zu tun scheint. Aus seinem tausendfach gefältelten Schweisstuch könnte man vielleicht – so boshaft wie ehrfürchtig – ein Sinnbild für ganz Neapel herauslesen. (Zu schweigen von der unverschämten Pudicizia, die ihn flankiert, und von den myteriösen anatomischen Maschinen in der Krypta dieser fabelhaften Kapelle.)
Hier noch ein Bild einer ganz schön spiessigen neapolitanischen Hochzeit, mehr schöne Aufnahmen in dieser Galerie.
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