Gebäudeprüfer

Dieser Herr, heute morgen im Quartier erblickt, widmet sich laut der Aufschrift auf seinem Overall der GEBÄUDEPRÜFUNG. Bald ist es ein Jahr her, seit im Stadtteil Carmel beim Bau der Metrolinie 9 ein Tunneleinsturz die Evakuierung von über tausend Anwohnern nötig machte. Einige von ihnen konnten bis heute nicht in ihre Behausungen zurückkehren, 34 Wohnungen mussten abgerissen werden. Es war leider bei weitem nicht der einzige Einsturz des Jahres in Katalonien. Die Zeitung El País listete ihrer neulich nicht weniger als einundzwanzig auf - 21 Häuser allein im Jahr 2005 in einem Land von der Grösse der Schweiz! -, einige durch Gasexplosionen verursacht (die jüngste vor einigen Tagen forderte drei Todesopfer), öfter aber sind alte Bauten von selbst oder aufgrund von Bauarbeiten schlicht zusammengekracht. Willkommen seien daher solche Verfizierer im Barrio!
Turbofussball
Sittenverwilderung II
Was ist geschehen? Der Zwist um die barcelonesische Sittenverwilderung (s. Posting «Sittenverwilderung I» vom 20.9.2005) ist in eine neue Phase getreten. Erst wurden die bereits bestehenden, bisher sehr lasch gehandhabten gesetzlichen Bestimmungen strikter angewandt. Resultat: 22 000 Strafzettel in den letzten drei Monaten, fast die Hälfte davon wegen ambulanten Handels, aber auch 3700 wegen Alkoholkonsums auf der Strasse, 1454 wegen Urinierens daselbst, 80 wegen Musikgedröhns aus offenen Autofenstern. Diese Bussen werden freilich mehrheitlich unbezahlt bleiben. Das ändert – dank neuer behörlicher Befugnisse – die Ende Dezember vom Stadtparlament gutgeheissene Verordnung (ordenanza contra el incivismo). Ihre Durchsetzung könnte Barcelona in eine Stadt verwandeln, neben der die Strassen Oslos als die reine Anarchie erschienen. Allenfalls Singapur gibt sich noch rigoroser. Bürgermeister Clos und seine Regierung waren, als sie den hochwallenden Unmut ihrer Bürgerschaft über einige Auswüchse bei der Benützung des öffentlichen Raums gewahrten, umgehend auf den Empörungszug aufgesprungen. Das Ergebnis – in Form der bewussten ordenanza – spottet dem freiheitlichen Geist, der hier bisher wehte. Selbst auf den Boden zu spucken soll nun strafbar sein.
Angeblich sagt die neue Verordnung all jenen Verhaltensweisen den Kampf an, die das Zusammenleben stören: Zuwiderhandlungen gegen das, was als gute Sitte gilt. In Wirklichkeit nimmt sie explizit die Existenzweise ohnehin unterpreviligierter Gruppen aufs Korn. Das Wort incivismo lässt sich auf deutsch mit «Sittenlosigkeit», aber auch mit «mangelnder Bürgersinn» wiedergeben. Doch ist es wirklich nur la lumpen (wie das Lumpenproletariat in klassischem Spanisch heisst), dem es daran gebricht?
Theoretisch hätte schon bisher jeder Fussgänger, der nicht auf das Grünlicht wartet, sondern die Strasse nach eigenem Gutdünken überquert, dafür geahndet werden können. Das wären jeden Tag mehrere Millionen Strafzettel, von denen bisher meines Wissens noch keiner ausgestellt wurde. Die neue ordenanza macht indessen Ernst damit, jene dauernd wechselnden Überlebensmethoden auszurotten, mit denen die Mittellosen – Immigranten mehrheitlich – zugleich das städtische Leben bereichern. Da gibt es die Pakistani, die allnächtlich Dosenbier auf jeder einigermassen belebten Strasse feilhalten. Tiefer verwurzelt – sosehr, dass dafür der schöne Ausdruck top manta erfunden wurde – ist der ambulante Handel mit Sonnenbrillen, Raubkopien von CDs und Filmen usw., die eben auf eine manta, eine schnell zusammenzuraffende Decke ausgebreitet, seit Jahren zum Strassenbild spanischer Grossstädte gehören. Das top manta hat mitunter entnervende Ausmasse angenommen. Im vorletzten Sommer verwandelten sich die Ramblas jede Nacht in einen Bazar, der indessen auch ohne ordenanza wieder verschwunden ist.
Nie mehr gesichtet wurde auch jene (aus Bosnien oder wo immer herstammende) Bettlerin, die den Ramblas vorübergehend einen mittelalterlichen Touch verliehen hatte. Schwarz verhüllt, barfuss, karikaturesk gebückt (buchstäblich geknickt, fast mit dem Gesicht den Asphalt streifend), rückte diese zittrige Alte unendlich langsam, Schrittchen für Schrittchen zwischen den Passanten vor. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass es eine Performance war. Eines Abends jedoch, ich hatte sie eben überholt, begegnete mir kurz danach eine identische, in Gegenrichtung sich schleppende Gestalt. Früher oder später mussten sie sich kreuzen! Das war denn doch zuviel des Pestzeitalters. Ich blieb stehen und beobachtete die gichtige Greisin genauer. Alles schien echt an ihr, nur die nackten Füsse waren unzweifelhaft die einer jungen Frau. Welch eine schauspielerische Leistung und mehr noch, welche Strapaze – und dennoch nun von den Stadtbehörden unter dem Namen «organisierte Bettelei» auf die schwarze Liste gesetzt. Man könnte es natürlich auch als Kunstform – à la Marina Abramovich – ansehen.
Ihren ganz andersartigen Auftritt haben auch die Mädchen, die den Strich machen. Doch auch ihre Arbeit ist durch die neue Verordnung bedroht. Mit Geldstrafen rechnen müssen sowohl Prostituierte als auch Freier, die miteinander im öffentlichen Raum ins Geschäft kommen. Das dürfte vor allem den Strassenstrich an der zentralen Ronda San Antonio betreffen – schwerlich vorstellbar indessen, dass die Behörden so traditionelle Huren- und Transvestitenstandplätze wie das Barrio Chino oder die Umgebung des Camp Nou zu säubern gedenken.
Ihre Bewährungsprobe wird die Verordnung ohnehin erst im Sommer erleben, wenn die Horden vergnügungssüchtiger Touristen aus dem Norden einfallen. Es entbehrt nicht der Ironie, dass gerade eine linke Regierung nun Massnahmen gegen sie ergreift: Ist es denn nicht ganz in ihrem Sinn, dass sich heute der hinterste und letzte Prolet aus Blackpool einen Ausflug nach Barcelona leisten kann, und nicht nur die Mittel- und Oberschicht?
Und noch eine Ironie, die sich um die ordenanza rankt. Zufällig ereignete sich wenige Tage, bevor diese vom Stadtparlament fast einmütig gutgeheissen wurde (dagegen stimmte nur ICV, die Allianz von Postkommunisten und Grünen), das Verbrechen des Jahres in der Stadt. Es mit dem Verwahrlosungsproblem in Zusammenhang zu bringen, scheint nicht weit hergeholt. Die drei Täter aber waren wohlsituierte Jugendliche aus dem höchst bürgerlichen Stadtteil Sant Gervasi, wo sich der Mord auch abspielte. Das Opfer, eine 50jährige obdachlose Frau, hatte sich im Vorraum einer Bankfiliale zum Schlafen gelegt. In diesen rund um die Uhr zugänglichen Räumen mit ihren Geldautomaten suchen viele Stadtstreicher im Winter Zuflucht. Zwei der Buben – beide 18 Jahre alt – hatten die Frau schon am frühen Abend erst beschimpft, dann mit diversen Gegenständen beworfen und verdroschen. Als sie sich verzogen, verriegelte sie von innen die Tür, wurde aber nach Mitternacht von einem andern, 16jährigen Jungen geweckt. Sie konnte nicht ahnen, dass er mit den beiden andern unter einer Decke steckte, und entriegelte arglos die Tür. Die Überwachungskameras haben die Vorgänge minutiös festgehalten, und die freudig erregten Mienen der prügelnden Bürgersöhne haben, als TV3 Teile des Videos ausstrahlte, die katalanische Gesellschaft geschockt. Zu sehen ist, wie einer der drei einen auf einer nahen Baustelle gestohlenen, mit einem Brennstoff gefüllten Bidon herbeiträgt – kurz danach die Explosion. Die mit der Flüssigkeit übergossene Frau ist jämmerlich verbrannt.
Gegen einen solchen Grad an Verrohung helfen keine Vorschriften. Aber wahrscheinlich helfen sie ohnehin gegen gar nichts, wie etwa das Beispiel Grossbritannien zeigt, dessen Ordnungs- und Überwachungswahn bislang keine Verfeinerung der Sitten gezeitigt hat. Nach einem Besuch in London kann man nur hoffen, Barcelona werde sich nicht im gleichen Ausmass mit Kameras und den entsprechenden Schildern (CCTV in operation) sowie mit Plakaten füllen, auf denen die Obrigkeit jedem Schwarzfahrer und jedem Gebührenpreller androht: Wir werden dich erwischen.
Stadtwanderers Timing
Home Is Where The Car Is







Cornellà!

Dieser Tage wird der jüngste Bau von Alvaro Siza eröffnet, ein Sportkomplex in Barcelonas Vorstadt Cornellà. (Näheres dazu nach einer Besichtigung). Cornellà gehört zum unmittelbar an Barcelona anschliessenden roten Gürtel, den seit den 1950er Jahren rasch gewachsenen Industriestädten, die mehrheitlich aus Südspanien stamnmende Einwanderer aufnahmen. Die heute etwa 90 000 Einwohner zählende Gemeinde war in den letzten Lebensjahren des Diktators Franco ein Hort des Widerstands - auch, aber nicht nur gegen Fabrikschliessungen. Inzwischen sind die meisten grossen Industriebetriebe natürlich trotzdem verschwunden; Siemens ist mit 400 Arbeitern der wichtigste in der Stadt verbliebene Arbeitgeber. Der Siza-Bau schreibt sich in ihre Umwandlung in eine Dienstleistungsstadt ein, wie sie dem langjährigen Bürgermeister und heutigen Industrieminister Spaniens, José Montilla, vorschwebte. Neben Sizas Sportpavillon (für 2500 Zuschauer, nebst Hallenbad, Freiluftbad und Fitnesscenter) entsteht in Cornellà auch das neue Stadion des zweiten grossen barcelonsesischen Fussballclubs, des R.C.D. Espanyol. Teils bereits gebaute Wirklichkeit ist ein Messe- und Geschäftszentrum, das sich für Veranstalter anbietet, denen das Messegelände von Barcelona zu gross ist.
Nachtrag
Wie man einen Gaudí herbeizaubert

Noch vor ein paar Tagen wusste kaum jemand von seiner Existenz, nun hat Barcelona praktisch aus einer Müllhalde einen neuen Gaudí hervorgezaubert: den Viadukt von Bellesguard. Vom Architekten zwischen 1903 und 1905 errichtet, ist er nach Jahren der vollkommensten Verwahlosung endlich restauriert worden.
Der Viadukt ist ein Gewölbe, getragen von abgeschrägten, mit Ziegeln verkleideten Stützen, ähnlich dem berühmten Viadukt im Parc Güell. Diesbehufs scheint Gaudí Gussformen verwendet zu haben, die er mit Steinen und Kalkmörtel füllte, gemäss der Technik, welche die Bauern in der Gegend seiner Geburtsstadt Reus anwendeten.
Im Zug der Restauration wurde auch die kleine Plaça de Bellesguard neu gestaltet, die sich auf den Garten der neogotischen Villa Bellesguard öffnet. Gaudí hatte diese als Hommage an Martí l’Humá errichtet, den offenbar sehr humanen Monarchen, der im Königreich Aragonien zwischen 1396 und 1410 herrschte. Bellesguard war sein Sommersitz, von dessen Türmen aus er auf das Meer hinunterblicken und sich an der Ankunft der Galeeren im Hafen von Barcelona delektieren konnte. Die von Gaudí an derselben Stelle erbaute Villa ist wohl sein am wenigsten bekanntes Werk in Barcelona.
I'm lovin' it

Im übrigen findet man auf dem Weg zu den Toiletten noch ein kleines Exempel von Logokunst:

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