MVRDV XL

[Architektur]
MVRDV haben am 21. Dezember in Barcelona ihr neues, bisher umfangreichstes Buch vorgestellt. KM3. Excursions On Capacity betitelt und 1408 Seiten stark, ist es beim barcelonesischen Verlag Actar erschienen. Winy Maas blätterte sich – auf seinem iBook – über eine Stunde lang kommentierend durch den Wälzer, dessen Schnitt mit seinen farbigen Schichten fast wie ein gestapelter MVRDV-Bau aussieht. Im Bild der inzwischen bezogene Wohnblock Mirador im Norden von Madrid - buchstäblich ein in die Vertikale gekipptes Häusergeviert -, begutachtet von zwei Caballeros, die sich aller Immobilienhaie zutrotz iher Bedeutung in dem neuen Spekulationsquartier bewusst sind.



Nach der Buchpräsentation wurde im FAD auch die bereits in Bern und zuletzt in China und Indonesien zu sehende Ausstellung The Hungry Box über die Arbeit von MVRDV eröffnet; die Galerie ras zeigt ausserdem die MVRDV-Filme, die dem Buch als DVD beiliegen.

Chez Nouvel

[Architektur]
Noch einige Bilder aus dem Innern der Torre Agbar, um das Thema damit abzuschliessen. Jean Nouvel hat den Turm als eine Aszension aus der Hölle in den Himmel inszeniert.





Das unterirdische Auditorium wirkt ein wenig wie ein Inquisitionsgericht... Schon etwas freundlicher bietet sich die Hall dar.




Auf dem Bargeschoss mit seinen nouvel-typischen Refkexen ist man schon klar im Vorhimmel angelangt.




Die Bürogeschosse mit ihren raffinierten doppelschichtigen Decken bieten schöne Aussichten etwa auf die Diagonale.




Im 25. Geschoss: Sitzungsbüros und Warteräume. In der Kuppel löst sich der doppelte Betonmantel - die unregelmässig durchbrochene Fassade aussen, innen der Technikkern - auf.

Blinded by Nouvel

[Architektur]


Fast wie bei einer Sonnenfinsternis:Mitte Nachmittag darf ich während einiger Minuten nicht mehr zum Fenster hinausschauen, sonst würde mich Jean Nouvels Torre Agbar erblinden lassen.

Manolo und die Hochgeschwindigkeit

[Urbanismus]
Manolo ist ein Schrank von einem Menschen. So einer kann etwas vertragen, und er giesst die Knockandos denn auch serienweise und in Höchstgeschwindigkeit in sich hinein. Wenn er nicht gerade in einer G & T-Phase ist: dann heisst das Gift Bombay. Ich treffe Manolo fast täglich in der Bar Mudanzas, wo er sein Hauptquartier aufgeschlagen hat und auf seinen Einsatz wartet. Er ist nämlich ausserdem Stationschef der Estación de Francia. Gelegentlich klingelt sein Telephon, dann tritt er auf die Gasse hinaus und man sieht ihn dort gestikulierend, als dirigiere er direkt die Züge, in das in seiner Pranke winzig anmutende Handy reden. Manchmal zieht er ein Blatt Papier mit allerlei hingekritzelten Formeln und Diagrammen – die Weichenstellungen? – hervor, dann zieht er sich wieder auf seinen Hocker zurück, es sei denn, er trolle sich mit verdrossener Miene Richtung Bahnhof.



Die Estación de Francia, Baujahr 1929, ist ein Prachtexemplar der Eisenbaukunst. Als Bahnhof hat sie ihre Bedeutung allerdings weitgehend eingebüsst. Seit der 1992 abgeschlossenen Renovation verkehren hier nur noch wenige Züge, dafür wird sie jetzt für Events wie den Salón del Comic genutzt. 2007 soll endlich die Hochgeschwindigkeitsstrecke Madrid-Barcelona fertiggestellt und umgehend bis zur französischen Grenze verlängert werden. Das metropolitane Streckennetz wird auf zwei 7,3 Kilometer voneinander entfernte Pole konzentriert: die Bahnhöfe Sants und Sagrera, letzterer noch im Projektstadium. Der lineare Strang aus teils schon bestehenden, teils noch zu bauenden Tunneln, der sie verbindet, lässt den französischen Bahnhof im Abseits. Eines nicht zu fernen Tages wird der letzte Zug hier abfahren.

Zurzeit aber – eben weil die grässliche Estación de Sants nun für die Ankunft der Hochgeschwindigkeitszüge umgerüstet (und dabei hoffentlich etwas weniger unwirtlich gestaltet) wird – erlebt die Estación de Francia ihre zweifellos letzte Blüte. Die drei internationalen Nachtzüge nach Mailand, Zürich und Paris fahren nämlich seit einigen Wochen wieder hier ab, unter den wunderbar gekurvten Eisen- und Glasgewölben. Mein Saufkumpan Manolo ist gefordert. Ich garantiere in seinem Namen für sachgerechte Weichenstellung.



Hier noch der bildliche Nachweis für die Existenz des ferroviario - so heissen Eisenbahner auf spanisch - Manolo.

Traumlos

[Barça! Barça!! Barça!!!]
In Cádiz spielte der FC Barcelona am Samstag den zwölften Sieg in Folge heraus: Clubrekord. Torverhältnis aus diesem sauberen Dutzend: 37:5. An den 37 Toren waren dreizehn verschiedene Spieler beteiligt, allen voran Eto’o und Ronaldinho, die mit 15 bzw. 10 Toren auch die Liste der Topskorer in der Liga anführen. Heute abend treten die beiden im Opernhaus Zürich auf: nicht um die Barça-Hymne «Tots al camp» zu singen, sondern weil sie zusammen mit Chelseas Frank Lampard als FIFA World Player des Jahres nominiert sind.



Nächstes Jahr werden sich die drei in London wiedersehen, im Hinspiel der Champions-League-Achtelsfinals. Chelsea hat Barça vor einem Jahr knapp (with a little help from Collina) eliminiert. In Barcelona wurde die neuerliche Rencontre trotzdem als Traumlos gefeiert. Geht es dabei doch nicht nur um eine Revanche, sondern um die Auseinandersetzung zwischen zwei Fussballmodellen. Ein in einem ganzen Land verwurzelter Club, der diese Saison keinen Heller für Transfers ausgab, gegen einen von einem russischen Finanzjongleur hochgezüchteten Quartierverein. (Na ja, ganz so romantisch braucht man es ja nicht zu sehen.) Niemand in Barcelona unterschätzt den Widersacher, weder Chelseas Spieler noch die strategischen Teufeleien von Mourinho. Aber nach den letzten Vorstellungen darf man Barça zutrauen, jeden Gegner schwindlig zu spielen.


Chrismust

[Ach, ach, ach]
Ich bin jedesmal fürchterlich gespannt auf die Krippe, die Anfang Dezember auf der Plaça Sant Jaume zwischen Barcelonas beiden Regierungspalästen aufgebaut wird, zwischen dem Ayuntamiento und der katalanischen Generalitat. Gibt es vielleicht eine interessantere Designaufgabe als eine Weihnachtskrippe? Einerseits strömen die traditionsbewussten Massen unweigerlich herbei, um den diesjährigen Entwurf volkskritisch unter die Lupe zu nehmen – vielmehr zu durchwandern, handelt es sich doch um eine jeweils einen Grossteil des Altstadtplatzes einnehmende künstliche Landschaft –; andererseits sind die Entwerfer gehalten, zugleich mit den Erwartungen des kommunen Vorstellungsvermögens die einer sich möglichst stilbewusst gebärdenden Stadt zu erfüllen.

Vor dieses Dilemma gestellt, liefert Barcelonas Designergilde Jahr für Jahr die denkbar wunderlichsten Environnements. Leibhaftige Schafe blökten da – zur nicht leicht nachvollziehbaren Empörung der Tierschützer – wochenlang zwischen zur Unkenntlichkeit abstrahierten Marien- und Josephsfiguren. Vor einem Jahr bildeten photographische 1:1-Abbilder der realen Bevölkerung den Cortège, der eine Krippe erst zu einer Krippe macht: Engel, Hirten und Könige wurden durch die Silhouetten pakistanischer Butan-Austräger und mit Einkaufstüten beladener Shopper repräsentiert. Die Profanierung war nicht nach jedermanns Geschmack. Daher hat man sich heuer für einen moderateren Entwurf entschieden: einen von grünen Plexiglaswänden umfriedeten Bambushain (untrügliches Signal unbeirrbarer Modernität), in welchem in einem kubischen Schrein eine Krippe mit allerdings höchst konventionellen vergoldeten Figuren die barcelonesische Christenheit an sich vorbeiziehen sieht.



Im Gegensatz zu dieser munizipalen Krippe war Barcelonas weitere Weihnachtsdekoration bis vor zwei Jahren erstaunlich konventionell. Dann erging der Auftrag an einige namhafte Designer, die Ramblas, den Paseo de Gracia und einige weitere Einkaufsstrassen zeitgemäss zu schmücken. Die unverschämt zum Konsum einladenden Girlanden aus rot leuchtenden Einkaufstüten an der Achse Ferran-Jaume I wurden inzwischen wieder durch hübsche Neongehänge ersetzt.



Am Paseo de Gracia gehen hingegen Mariscals täppische, paketbeladene Figürchen in ihre dritte Saison, ebenso die grossen gelben, von der Tramontana mitunter bedenklich durchgeschüttelten Leuchtkugeln, die über den Ramblas baumeln. Ihr leicht orientalischer Touch scheint niemanden zu stören, und im Gegensatz zu Zürich bedurfte es nicht eines sieben Jahre währenden Prozesses, um sie aufzuhängen. Flankiert werden sie derzeit exquisiterweise von Günter Brus’ aktionszerspaltener Visage, Reklamen für seine Retrospektive im Museu d'Art Contemporani.


Die gläserne Natur

[Architektur]


Sie werden schlicht die Pavillons genannt: ihrer fünf nur, aber zusammen bilden sie eines der eigenartigsten Hotels, die es auf der Welt geben dürfte. Dabei sind sie lediglich ein - unlängst eröffneter - Annex zum michelingestirnten Restaurant Les Cols, zu deutsch die Kohlköpfe - ein Hinweis darauf, dass wir hier auf dem Land sind, genauer in der Garrotxa, einer vulkanischen Landschaft etwa hundertzwanzig Kilometer nördlich von Barcelona. Schon das umgebaute Restaurant hatte nicht nur seiner Küche wegen Aufsehen erregt. Wie im Fall der Pavillons, stammt der Entwurf von den in derselben Provinzstadt Olot ansässigen Architekten RCR Aranda Pigem Vilalta, deren subtiler Minimalismus, etwa das Haus für eine Coiffeuse oder die Casa Mirador,



längst zum Standardfutter internationaler Architekturzeitschriften gehört.

Ob die Pavillons mit ihren gläsernen Böden - darunter eine Art Lavalandschaft -, ihren gläsernen Wänden und Decken ein «gläserner Schrecken» (so der Titel von Josep Quetglas' Essay über Mies' Barcelona-Pavillon) sind oder, von allem Firlefanz der Zivilisation geläutert, die Gäste in jene meditativbe Naturnähe versenken, die sich die Architekten vorstellten, kann jedermann zum Preis von 240 Euro selbst herausfinden. Auf jeden Fall wird er in Les Cols wunderbar essen.