Art Futura

[Ausstellungen]
Die Cyberpunk-Ikone Bruce Sterling spricht zur Eröffnung von Art Futura am 27. Oktober auf voraussichtlich witzige Art über das Design von Gegenständen, so wie er es in seinem jüngsten Buch Shaping Things getan hat. Das Festival elektronischer Kunst im Mercat de les Flors präsentiert bei seiner 16. Ausgabe unter anderem eine Auswahl der besten Animationsarbeiten in 3D. Das audiovisuelle Programm wird gleichzeitig in Museen in Granada, León, Vigo, Murcia, Vitoria, Santa Cruz de Tenerife, Palma de Mallorca und Madrid gezeigt.

Sterlings heuitiger Blog-Eintrag:

Beyond the Beyond
Tuesday, 25 October 2005
Well, I'm off to Europe for a week
Mood: special
Now Playing: got the bags packed, time to hit the globalista road
http://www.artfutura.org/

I always wanted to go to Art Futura

*When and if I manage to get wheels-down in Barcelona, you
can expect the customary BEYOND THE BEYOND photographic
bounty of foreign doorknobs and manhole-covers.


Manhole-covers sind, was man in Zürich Dollendeckel, in Bern Senklochdeckel und im weiteren deutschen Sprachraum Kanaldeckel nennt.

Vielleicht könnte man auch mal einen Denklochdeckel erfinden.

Haiteich

[Faits divers]
Bis am 30.Oktober dauert die heute eröffnete Immobilienmesse Barcelona Meeting Point, die 1000 Firmen der Branche vereinigt und zu der 180 000 Besucher erwartet werden. In dem Land, das bis zu 40 Prozent der Bautätigkeit in der EU konzentriert, in dem fünf oder sechs der zehn grössten Bauunternehmen des Kontinents tätig sind und in dem Immobilienbesitz eine Art Volkssport geworden ist, strebt natürlich auch die betreffende Messe nach Rekorden.

Die Konstruktion des Desasters

[Off Barcelona]


Manuel Fraga war ein politisches Relikt aus den Zeiten des Diktators Franco, welchem er in den 60er Jahren als Informationsminister gedient hatte. Später gründete er den konservativen Partido Popular, bevor er desen Leitung dem nachmaligen Präsidenten Aznar überliess und sich in seine Heimatregion Galicien zurückzog, wo er, 83jährig, im Januar 2005 zu seiner fünften Wiederwahl als Regionalpräsident antrat – und verlor.

Nun haben seine Nachfolger die Rechnungsbücher über jenes noch unvollendete Bauwerk geöffnet, an das man sich laut Fragas Worten dereinst erinnern wird „wie in der Antike an die sieben Weltwunder“, und das – aus ganz anderer Warte – Kurt W. Forster als „Supernova“ der Architektur bezeichnet hat: die Cidade da Cultura de Galicia in Santiago de Compostela. 1999 hatte Peter Eisenman den Wettbewerb mit einem allerdings verblüffenden Entwurf gewonnen. Der Grundriss der Altstadt – s. Modellbild – erinnerte den Architekten an eine Jakobsmuschel, und in den ihr gegenüberliegenden Monte de las Gaias eine ebensolche zu kerben, Santiagos casco antiguo mithin als moderne Stadt gleichsam noch einmal zu bauen, dies schwebte Eisenman vor.

Im Herbst 2002, anderthalb Jahre nach Baubeginn, wurde klar, dass das pharaonische, in den Berg gleichsam eingelassene Werk schwerlich wie vorgesehen 2005 fertiggestellt werden könnte, und die auf Eile erpichte Regionalregierung entzog Eisenman einen Teil der Kontrolle über den Bau. Von Spöttern wurde die Cidade da Cultura da längst als „Fragas Mausoleum“ bezeichnet. Aufnehmen soll sie zwei Museen, eine Bibliothek, ein Zeitungsarchiv und eine Oper. Was ein Operntheater in der Grösse des Lincoln Center in einer Stadt von 100 000 Einwohnern verloren hat, blieb ebenso schleierhaft wie der Sinn eines gigantischen Zeitungsarchivs im Zeitalter von Internet.

Bis heute konnte keiner der fünf Teile eröffnet werden. Hingegen herrscht nun Klarheit darüber, dass sich das ursprüngliche Budget von 120 Millionen Euro mindestens vervierfachen wird. Bereits ausgegeben worden sind 373 Millionen. Fragas Nachfolgeregierung zerbricht sich einstweilen den Kopf darüber, wie sie den Bau zu einem glücklichen Ende bringen könnte. Verkalkuliert haben sich ja, weit mehr als der Architekt, die megalomanischen Politiker, und es wäre zweifellos schade, wenn ein so fabelhaftes (und weit fortgeschrittenes) Projekt nun mutiliert würde.



All The Tired Horses In The Sun

[Off Barcelona]


In Madrid wurde dieses Wochenende eine Ikone der Moderne wiedereröffnet, das Hipódromo de la Zarzuela von Eduardo Torroja. 1935-36 erbaut, aber wegen des Bürgerkriegs erst 1941 eingeweiht, lag die Rennbahn nach dem Bankrott der Betreiberfirma seit 1996 still. Nun können die Pferde-Aficionados wieder im Schatten der renovierten, hocheleganten Tribünendächer Platz nehmen.



Sagrada Térmica

[Ach, ach, ach]




Kleine Verwechslung: Die Vereinigung katalanischer Fremdenführer hat Klage wegen unlauterer Konkurrenz erhoben, namentlich durch russische Reiseführer, die Touristen an der Costa Dorada ködern und per Car nach Barcelona verfrachten, um ihnen die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen. Ihre Kenntnisse seien jedoch teils so beschränkt, dass unlängst ein Guide seiner Kundschaft die Central Térmica del Besós als Gaudís Sagrada Familia präsentiert habe.

Calatravalandia

[Off Barcelona]
Es ist vollbracht: mit dem Opernhaus Palau de les Arts konnte am 8. Oktober das vierte und letzte, spektakulärste und wohl auch groteskste Teilstück der Ciutat de les Arts y de les Ciències in Santiago Calatravas Heimatstadt Valencia eingeweiht werden.








Tragischer Ramadan

[Faits divers]
Das katalanische Dorf Piera leben ungefähr 600 Marokkaner. Fünf von ihnen sind am Samstag beim Einsturz eines Hauses ums Leben gekommen. Das aus dem 18. Jahrhundert stammende Gebäude war von einem Immigranten gekauft worden, der 1999 hier ansässig wurde. Er machte gute Geschäfte, kaufte ein zweites Haus für sich und stellte das andere Neuankömmlingen aus seiner Heimat zur Verfügung. Die Unglücklichen weilten erst seit wenigen Wochen in Spanien, nachdem sie einer Schlepperbande je 8000 Euro entrichtet hatten. Die Abklärungen über den Grund des Einsturzes, der sich nachts um drei zutrug, sind noch im Gange.

Brunelleschi a Barcellona

[Architektur]
Der Journalist Ignacio Vidal-Folch macht heute in seinem Geheimmuseum in El País auf etwas aufmerksam, das den meisten Barcelonesen bisher zweifellos entgangen ist. An der Kreuzung Balmes/Mitre, zweier Traumrouten des barcelonesischen Dahingleitens per Automobil, erhebt sich über einem typischen Wohnhaus der vierziger Jahre eine Kuppel, die eine Hommage an Brunelleschis cupolone in Florenz ist.

Wenn Messi kommt

[Barça! Barça!! Barça!!!]
Wie der Leser Rrr zur Kulturfestivalitis feinsinnig anmerkt, fehlt Barcelona „vielleicht einfach das sportive Element?“ Es fehlt natürlich nicht der Stadt, sondern dem Blog, und dem sei umgehend abgeholfen mit der neuen Rubrik Barça Barça Barça, in der ab sofort über fútbol, umgangssprachlich auch fumbo oder furbo genannt, berichtet wird.



Auf der Homepage des Fc Barcelona lese ich gerade, dass Messi gestern endlich sein erstes Spiel mit der argentinischen Auswahl bestreiten konnte, nachdem sein Début vor einigen Wochen insofern missraten war, als er bei der ersten Ballberührung die rote Karte sah. Ganz anders in diesem Spiel gegen Peru, in dem er wie nicht anders zu erwarten glänzte, den Penalty zum Führungstreffer provozierte und einmal mehr die Erwartungen der Argentinier anheizte, die in Messi wenn nicht den Messias, so doch den neuen Maradona sehen. Entzückt über solche Nachrichten ist aber natürlich auch die Barça-Anhängerschaft, denn der 18-jährige Wunderknabe bildet ja ab sofort, seit er den spanischen Pass erhalten hat, zusammen mit Ronaldinho und Eto’o das infernalischste Angriffstrio des Weltfussballs. (Und auf dem Ersatzbänklein brennen so fabelhafte Stürmer wie Giuly, Larsson, Ezquerro und Maxi auf ihren Einsatz.)

Lionel Messi war im zarten Alter von dreizehn Jahren aus Argentinien nach Barcelona gekommen. Kaum habe ihn Charly Rexach bei der Nachwuchsinspizierung den Ball berühren gesehen, soll der alte Barça-Haudegen ausgerufen haben: „Nehmt den Knirps unter Vertrag, aber subito!“ Inzwischen hat der FC Barcelona seinen Vertrag bis ins Jahr 2014 verlängert und eine Ablösesumme von 150 Millionen Euro festgelegt.

Alle reden von Messi, aber das nächste Wunderkind ist auch schon geboren, und zufällig gehört es auch Barça. Bei der U-17-Weltmeisterschaft führte es vor einer Woche Mexiko im Endspiel gegen Brasilien zum Titel. Der Bursche heisst Giovanni dos Santos, Sohn des Zizinho genannten brasilianischen Fussballidols, der eine Mexikanerin geheiratet und seine Karriere in Monterrey beendet hatte, wo Gio 1989 geboren wurde. In einem Communiqué der FIFA wird er wie folgt geschildert: „Dieser linksfüssige Klon von Ronaldinho hat das Publikum mit seinen elektrisierenden Läufen und seinen millimetergenauen Pässen begeistert.“ Arsenal, Chelsea und ManU sind hinter ihm her, aber unter Vertrag steht er vorderhand beim FC Barcelona.



Festivalitis 2

[Ach, ach, ach]
Hypertrophie der Ereignisse. Den Festivals auszuweichen, hilft nichts, denn spezifischere Anlässe sind erst recht ausgebucht. Donnerstags verzichtete ich auf die Vernissage Fokus Switzerland mit Künstlern wie Lang&Baumann, Fabrice Gygi und Christophe Büchel im Kultur Büro Barcelona, um rechtzeitig zur Weltpremière des Dokumentarfilms Wer tötete Walter Benjamin von David Mauas im Institut Français zu kommen, der die Selbstmordthese in Zweifel zieht (hier ein Bericht aus El País über den Film und seine Thesen). Ich war eine halbe Stunde vorher dort, aber es gab kein Durchkommen. Am Abend darauf dasselbe beim Auftritt von Damo Suzuki: das Konzert des Sängers der legendären Can – im Rahmen des 9. Festivals (sic) für experimentelle Musik im Stadtteil Gracia, LEM genannt, war ausverkauft. Auf La Paloma und die Asienfestival-Party mit der japanischen Kultband The Back Horn verzichteten wir vorsichtshalber. Dafür reservierte ich für Samstag noch schnell im Internet Karten für Heiner Müllers Medeamaterial in der Inszenierung von Anatoli Vassiliev (mit Valérie Dréville, französische Version), und das klappte dann auch. Anschliessend gleich nebenan noch ein paar Asienfestival-Häppchen (côté nourriture) und Jango Edwards Mitternachtsauftritt am Boulevard of Broken Dreams (14 Jahre hatte ich diesen witzigsten aller Wildlinge, vielmehr wildesten aller Witzlinge nicht gesehen; jetzt ist er vollends wahsinnig geworden, aber zum Abschied gab's noch ein "Stereoküsschen" von ihm). Nachts um zwei bot hingegen das gut gestylte aufblasbare Zelt des Met-Festivals der barcelonesischen Designschulen diesen öden Anblick.



Lauter leere Luft, wohl auch eine Metapher für ein so kultiviertes Wochenende. Die Party musste anderswo weitergehen.

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